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Good Rockin' Tonight: Suzi Quatros "The Devil In Me" knüpft erfolgreich an die eigene Vergangenheit

"'The Devil In Me' is the best album in my career to date", zitiert das Schallplattenlabel Suzi Quatro im Presseinfo. Woher ihre euphorische Einschätzung rührt? Wie zuvor bei "No Control" habe sie mit ihrem Sohn gearbeitet, erläutert die Künstlerin während einer telefonischen Interviewverabredung im Vorfeld der Veröffentlichung. "Richard konnte die Vitalität des Mittdreißigers einbringen, ich die Erfahrung meiner siebzig Lebenslenze. Er hat mich wieder in die Spur gesetzt und gemeint, Mum, dein nächstes Album muss bahnbrechend werden wie dein Debüt!"

Das schlicht "Suzi Quatro" betitelte Debütalbum erschien im Herbst 1973. Enthalten die ersten beiden Hitsingles "Can The Can" und "48 Crash", der gebürtigen Amerikanerin vom Autorengespann Nicky Chinn/Mike Chapman maßgeschneidert auf den Leib geschrieben. Daneben Coverversionen wie "All Shook Up", die auf Suzi Quatros Ursprünge im Rock'n'Roll der fünfziger Jahre verweisen. Sowie eigene Songs, die den Fiftiessound mit der Sixtiesgrobheit ihrer Heimatstadt Detroit verbinden; entstanden das Material von einer Ausnahme abgesehen im Duo mit Len Tuckey, dem Gitarristen ihrer Band und Vater ihres Sohnes.

Wirklich bahnbrechend war nichts davon, höchstens ungewöhnlich wie im Fall von "Skin Tight Skin", aber sehr im Einklang mit dem Zeitgeist. Der britische Glamrock, vor dessen Hintergrund Suzi Quatro zu Beginn der siebziger Jahre von London aus die Teenagerherzen weltweit erobert, markiert ein Revival bodenständiger, tanzbarer Rockspielweisen parallel zum reinen Hörerlebnis des Progressive Rock. Nachfolgende Alben konnten sich nicht annähernd behaupten gegenüber weiteren Hitsingles, meist auch aus dem Hause Chinn/Chapman. Wobei "Devil Gate Drive" von 1974 das Stück ist, das am ehesten auf jene Vergangenheit hindeutet, aus der sich die Gegenwart speist und Suzi Quatro ein Album beschert, das inspiriert wirkt wie lange nicht.
 

Der Titelsong zu "The Devil In Me" scheint sowas wie die Großmutter zu "Devil Gate Drive"?
Hübsch gesagt, sehr lustig!

"Devil Gate Drive" handelt von Teenagerebellion, dem wilden Saturday Night Life. "When I was sweet sixteen I was the juke-box queen/Down in Devil Gate Drive/I lead the angel pack on the road to sin/Knock down the gates", heißt es im Text.
Ja, aber "The Devil In Me" handelt davon, was mir meine Mutter mitgab. Sie sagte immer, ich sei das süßeste, schüchternste ihrer fünf Kinder, aber die mit dem meisten Blödsinn im Kopf. Ein Engel, solange mir nicht mein Heiligenschein verrutscht. Das zieht sich als Motto durch mein Leben.

Genau was ich meine. "Devil Gate Drive" schaut mit der Neugier der Jugend in die Zukunft, "The Devil In Me" hält mit der Klugheit der Lebensjahre Rückschau.
Richtig, neulich am Telefon sagte ich zu meinem Sohn, ich glaube, die Engel zähmen den Teufel in mir. Und er, herrlich, das wird der Titel deines nächsten Albums!

Würdest du zustimmen, dass "The Devil In Me" persönlicher ist als frühere Albumveröffentlichungen?
Alle meine Alben sind persönlich, wenn ich Songs schreibe, dann nie in der dritten Person. Das bin immer ich. Was du möglicherweise raushörst, ist, dass dieses Album entstand, während wir in einer Pandemie festsaßen. Keiner wollte was von mir, ich hatte endlos Zeit in mich hinein zu lauschen. "Isolation Blues" beschreibt meine Gemütsverfassung während der Pandemie. Ich hörte Leute sagen, dass sie, wenn sie Songtexte schreiben könnten, genau das aufgeschrieben hätten.

Wie wichtig ist deine Dokumentarfilmbiographie "Suzi Q" von 2019 für "The Devil In Me" gewesen?
Sehr wichtig und ein Riesenerfolg. Der Film stand an der Spitze sämtlicher Hitlisten, bei Amazon, überall. Die Medienresonanz war gewaltig. Ich bin froh, dass es den Film gibt. Dem Regisseur Liam Firmager sagte ich, dass ich die Wahrheit erzählen möchte, selbst wenn die Wahrheit schmerzhaft ist. Kein Leben ist perfekt, meins auch nicht. Deshalb die positive Resonanz, weil wir nichts beschönigen.

Streckenweise kann man deine Courage nur bewundern. Zusammen mit zwei deiner älteren Schwestern bist du Mitglied der Pleasure Seekers gewesen, die sich in Cradle umbenannten und dabei waren durchzustarten, als du von Mike Chapman in Detroit entdeckt wurdest, mit ihm nach London gingst und als Soloartistin erfolgreich wurdest. Nicht jeder aus deiner Familie fand das gut, aber auch das verhandelt der Film.
Weil es Teil meiner Geschichte ist. Jede Familie, zumal wenn fast alle Familienmitglieder einer Musikerkarriere nachgehen, hat ihre Schwierigkeiten, wenn einer aus ihren Reihen Erfolg hat.

Bereust du, dass du nach Großbritannien gegangen bist?
Ich versuche, es nicht zu bereuen. Der Dokumentarfilm hat mich einiges gelehrt. Ich sah den Film mit Publikum, hörte die Kommentare, den Zorn, die Tränen, die verdrückt wurden. Ich erfuhr eine Menge über mich, habe aber meinen Frieden gemacht. Dank des Dokumentarfilms kann ich das hinter mir lassen. Ich weiß jetzt, dass keiner gehindert wurde, das zu tun, was er tun wollte. Und ich tat das, was ich tun musste.

Laut dem amerikanischen Metro Times Magazin beruht dein Erfolg darauf, dass du dich nie um Geschlechterrollen geschert, nie von Männern hättest einschüchtern lassen. "I don't look at gender. I never have. It doesn't occur to me if a 6-foot-tall guy has pissed me off not to square up to him", wirst du zitiert.
Stimmt, ich bin mit fünf Geschwistern ausgewachsen und entdeckte früh, dass ich nirgendwo reinpasse. Ich war immer das Quadrat im Kreis, war nie eindeutig weiblich, nie eindeutig männlich, ich musste mir meinen eigenen Platz suchen. Ich bin nie Kompromisse eingegangen was meine Kunst angeht. Ich spielte Bass, sang meinen Rock'n'Roll, in der Hoffnung, dass sich Erfolg einstellt.

Aber du bist katholisch erzogen, und es entspricht wohl kaum dem Frauenbild der katholischen Kirche, einem Mann die Stirn zu bieten!
Ich mache mir meine eigenen Regeln. Ich bin ein gutes Mädchen, mit guter Moral. Aber ich benutze meinen eigenen Verstand zum Denken. Das Für und Wider von Religion oder Politik betrifft mich nicht. Ich bin Entertainer, ich unterhalte mein Publikum.

Du bist die erste Rockfrau gewesen, die nicht bloß Sängerin einer Rockformation war, sondern Chefin einer ansonsten männlich besetzten Band. Die Rock'n'Roll Hall Of Fame in Cleveland, Ohio verwehrt dir dennoch einen Ehrenplatz in ihren Ruhmeshallen.
Es kümmert mich nicht, mir sind massenhaft andere Ehrungen zuteil geworden.

Du wirst auch mit den Worten zitiert, "When I saw Elvis for the first time when I was 5, I decided I wanted to be him". Elvis Presley gilt als Verkörperung des Rock'n'Roll der fünfziger Jahre. Siehst du dich in seinen Fußstapfen?
Absolut! Ich war mit Elvis Presleys langjährigen Gitarristen James Burton am Tributesong "Singing With Angels" beteiligt. Im Anschluss kam James zu mir und sagte, Suzi, du bist wie Elvis. Du bist ganz du selbst. Das werde ich mir in den Grabstein meißeln lassen!
Bernd Gürtler SAX 5/21


Suzi Quatro
"The Devil In Me"
(SPV; 26.3.2021)


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Foto: SPV
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