|   Rezension

Vadim Neselovskyi

Perseverantia

(Tzadik)

Genau als Vadim Neselovskyi seiner Heimstadt Odessa am Schwarzen Meer mit dem gleichnamigen Vorgängeralbum huldigt, bricht Moskaus Möchtegernzar einen schmutzigen Angriffskrieg gegen die Ukraine vom Zaun. Den Unterschied zu damals lässt "Perseverantia" zweifelsfrei am Frontcover erkennen.

Vadim Neselovskyi wird zu Sowjetzeiten in Odessa geboren. Der Sohn jüdischer Eltern gilt als musikalisches Wunderkind, verlässt das städtische Konservatorium deutlich früher als gewöhnliche Studenten und wechselt direkt im Anschluss ans Berklee College Of Music in Boston, Massachusetts, wo der Weltklassevibraphonist Gary Burton zum damaligen Zeitpunkt gerade Fakultätsbereichsleiter ist und das überragende Talent des jungen Pianisten erkennt, nämlich mühelos zwischen Klassik und Jazz wechseln zu können. Seit den neunziger Jahren lebt Vadim Neselovskyis Familie in Deutschland, er selbst in Brooklyn, und unterstützt die Ukraine mit Benefizkonzerten, wo sich die Gelegenheit bietet.

"Odesa – A Musical Walk Through A Legendary City" vom Sommer 2022 ist sein drittes Album unter dem eigenen Namen und, der Albumtitel nimmt es vorweg, konzipiert als Rundgang. Bloß eben nicht wie bei Modest Mussorgskis "Bilder einer Ausstellung" durch eine Gedächtnisgemäldeschau, sondern Vadim Neselovskyis Heimatstadt. Vom Bahnhof führt die Route geradewegs zur berühmten Freitreppe aus Sergei Eisensteins Stummfilmklassiker "Panzerkreuzer Potemkin". Andere Stücke sind Odessas Wappenpflanze, der weißen Akazie, gewidmet, fangen Winterimpressionen ein oder heißen "Jewish Dance" beziehungsweise "Waltz Of Odesa Conservatory". Das Albumcover in himmelblauer Freundlichkeit, Schwarzmeerwogen schlagen munter gegen die Uferbefestigung.

Die Kompositionen auf "Perseverantia – A Suite For Piano And String Trio", heißen "Tanks Near Kyiv", "Refugees", "Dancing As If Nothing Ever Happened" oder, angelehnt an Wolodymyr Selenskyjs berühmtes Bonmot aus den ersten Kriegstagen, "I Don't Need A Ride". Entsprechend wirkt die Musik zu einem Frontcoverfoto grau in grau, eingefangen von Vadim Neselovskyis Landsmann Alexander Yakimchuk. Man kann den Krieg förmlich riechen und bangt mit der gebeugten Seniorin im langen Wintermantel, dass sie ihre Einkäufe sicher nach Hause bringt, bevor auf der Straßenkreuzung vielleicht eine russische Rakete einschlägt.
Bernd Gürtler/TM


Vadim Neselovskyi
"Perseverantia - A Suite For Piano And String Trio"
(Tzadik; 27.2.26)


Vadim Neselovskyi im Netz
Website | Facebook | Instagram | Twitter | YouTube | Spotify | Deezer | Apple | Tidal | Bandcamp 

 

neue Beiträge