|   Rezension

Carlos Niño & Friends

Extra Presence

(International Anthem)

So ist es wohl, kein Ort der Eintracht und Harmonie diese Welt, denkt man bei den Eröffnungsstücken "In The Moment" beziehungsweise "Explorations 7". Aber dann bei "Actually" verkrümeln sich die Dissonanzen. Saxophon, Piano und Perkussion weichen einer Klingklangelektronik, die an frühe Kraftwerk erinnert und über einen offenbar aus Led Zeppelins "Whole Lotta Love" gesampelten Beckenloop gelegt wurde. Schlagartig kann sich jeder, der möchte, aufgehoben fühlen im Chaos, das ringsum waltet. Ein fast körperlicher Effekt, der eintritt, weil sich Musiker auf mehr als bloßes Musikmachen verstehen.

Begonnen hat Carlos Niño Mitte der neunziger Jahre als Deejay bei KPFK in Los Angeles. Außergewöhnlich seine Radioshows, berichten Zeitgenossen, weil er die Ursprünge des HipHop bis zurück an seine Wurzeln im Jazz aufdröselte, später New Age, Folk, Elektronik und alle übrigen Spielweisen jenseits seines Ausgangsspektrums einbezog.

Der Versuch, mit Gründung von Ammoncontact beziehungsweise Build An Ark sein umfassendes, buchstäblich globales Musikverständnis auf ein konventionelles Bandformat zu übertragen, scheitert.

Umsetzbar das, was ihm vorschwebt erst in den personell offenen, frei improvisierenden Freundebesetzungen, deren Einspielungen im Anschluss wie beim Film am Schneidetisch ediert und um Gastbeiträge erweitert werden. Carlos Niño versteht sich als Kommunikator, der sein Publikum einbeziehen möchte. Das lässt seine Musik mehr sein als jeden anderen, meist beliebigen Stilmix.

Freie Improvisation und trotzdem das Gegenteil von anstrengend? Kein entfesselter Individualismus wie im traditionellen Free Jazz? Kein nerviges Selfiegehabe, sondern Gemeinschaftssinn? Carlos Niño weiß wirklich wie das geht, zum wiederholten Male. Auf das vielbeachtete "More Energy Fields, Current" von 2021, war Anfang 2022 sein ausschließlich über Bandcamp als Vinyledition und limitierte Audiokassette vertriebenes "Actual Presence" gefolgt, das mit "Extra Presence" jetzt in einer um sechs Stücke erweiterten Ausgabe vorliegt. Unter den Gästen auch diesmal namhafte Vertreter des progressiven zeitgenössischen Jazz, die da wären Jamael Dean, Jamire Williams, Miguel Atwood-Ferguson, Iasos, Deantoni Parks oder Sam Gendel.
BG/TM

Video/Audio
"Water Waves Arrival"

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