|   Rezension

Van Morrison

Latest Record Project: Volume 1

(Exile/BMG)

Herzallerliebst damals in "Cleaning Windows" das Bekenntnis zu seiner Schwärmerei für Leadbelly, Blind Lemon Jefferson, Muddy Waters, Jack Kerouac und Zen Buddhismus. Sofern nicht selbst in ausgedehnte Jazzmeditationen vertieft, vergewissert sich Van Morrison von Zeit zu Zeit seiner schwarzen Blueswurzeln, seit Mitte der neunziger Jahre sogar immer öfter. Mit sagenhaften achtundzwanzig Songs, ist "Latest Records Project: Volume 1" die bislang intensivste Blueswurzelbehandlung und an Facettenreichtum kaum zu überbieten. Ein wunderbares Album! Wenn bloß die Songtexte nicht wären.

Die britische Tageszeitung The Guardian rezensiert "The Latest Record Project: Volume 1" in Grund und Boden. Das US-Musikmagazin Rolling Stone schließt sich vorbehaltlos an, und während beide Medienkanäle sich noch der Mühe einer inhaltlichen Auseinandersetzung unterziehen, veröffentlicht die amerikanische Unterhaltungskunstgazette Variety kurzerhand eine Hitliste der zehn abenteuerlichsten Songtextstellen.

Der Tenor ist immer derselbe, nämlich dass Van Morrison unter die Verschwörungstheoretiker und Coronaleugner gegangen ist, Irrtum ausgeschlossen. Bereits im Herbst 2020 setzt er selbst den Rahmen, mit via YouTube verbreiteter Songs wie "No More Lockdown", wo es gegen die "Imperial College scientists makin' up crooked facts" geht und weiter heißt "No more lockdown/No more government overreach/No more fascist police/Disturbing our peace/No more taking our freedom/And our God-given rights/Pretending it's for our safety/When it's really to enslave". Wirklich tragisch, jahrzehntelang gar keine Einlassungen zu akuten Gesellschaftsthemen, und seit die Vorgängeralben "The Prophet Speaks" sowie "Three Chords & The Truth" von 2018/19 andeuteten, dass sich das ändern soll, vergaloppiert sich der irische Brummbart derart grandios. Wahrscheinlich ist Van Morrison eine jener Rockberühmtheiten, die so sehr in ihrer eigenen Blase leben, dass ihnen jemand an ihrer Seite fehlt, der im entscheidenden Moment ruft, hey, aber er hat gar nichts an!
BG/TM

Quellenverweise:
The Guardian
Rolling Stone
Variety

 

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