|   Rezension

The Residents

Duck Stab! Alive!

(Grand Chess/Indigo)

"Night Flight" hieß ein innovatives Fernsehformat für zeitgenössische Populärkultur im amerikanischen Kabel-TV, geschätzt wegen substanzieller Interviews mit Rockgrößen wie Laurie Anderson, Lou Reed oder Frank Zappa und weil Videoclips unzensiert über den Sender gingen. Regelmäßig auf der Videoplaylist die Residents. 2015 wechselt das Programm als Bezahlstreaming ins Internet. Zum Neustart gaben die vier Eyeball Heads aus San Francisco "Duck Stab!" live im Fernsehstudio zum Besten. Audiomitschnitt und Bewegtbild sind unter dem Titel "Duck Stab! Alive!" als 10"-Doppelvinyl plus DVD erschienen.

Die Berichterstattung zur ursprünglichen Studioeinspielung von 1978 erweckt mitunter den Eindruck, es sei aus marktstrategischen Erwägungen entschieden worden, dass "Duck Stab!" eingängiger geraten soll, um dringend benötigten kommerziellen Erfolg zur Konsolidierung der Bandfinanzen zu generieren; wirtschaftlich standen die Residents damals mit dem Rücken zur Wand.

Bandbiograph Ian Shirley stellt die Situation etwas anders dar. Laut seiner Buchpublikation "Five Decades Of The Residents" gingen dank wohlwollender Berichterstattung britischer Medien die ersten drei Vollelängealben "Meet The Residents", "Third Reich'n'Roll" und "Fingerprince" plötzlich weg wie geschnitten Brot. Beflügelt durch den unerwarteten Zuspruch aus Übersee, entstand "Duck Stab!" und wurde tatsächlich ungewöhnlich eingängig und prompt ein Kassenschlager, mit "Constantinople" als potentieller Hitsingleauskopplung. Fatal bloß, dass die Erstedition eine 7"-EP war, mit insgesamt vierzehn Minuten Musik, was massiv der Klangqualität schadete. Noch im selben Jahr erlebt "Duck Stab!", erweitert um Stücke einer zweiten EP namens "Buster & Glen", als 12"-LP eine Neuauflage und im Anschluss mehrfach weitere Neuauflagen, unter anderem 1995 als Doppel-Mini-CD.

"Duck Stab! Alive!" enthält die Stücke beider EPs, allerdings in geänderter Reihenfolge. Wirken die Originale nach wie vor modern und zukunftsweisend wie Anfang der neunzehnhundertdreißiger Jahre Küchenmöbel im Bauhaus-Design, entwickeln die Einspielungen auf "Duck Stab! Alive!" deutlich mehr Drive. Die Frage, ob die neue Stückeabfolge eine neue Geschichte ergibt, erübrigt sich. Laut Bandwebsite sind die Songtexte purer Nonsens im Stil von Lewis Carrolls "Alice In Wonderland".

Die Fangemeinde hält das trotzdem nicht davon ab, nach dem tieferen Sinn zu suchen. Ein Besucher einschlägiger Internetforen verglich "Constantinople" mit "Sailing To Byzantium", einem Gedicht von William Buttler Yeats, das laut Wikipedia als Wortmeldung zu verstehen sei "about the agony of old age and the imaginative and spiritual work required to remain a vital individual even when the heart is 'fastened to a dying animal' (the body). Yeats's solution is to leave the country of the young and travel to Byzantium, where the sages in the city's famous gold mosaics could become the 'singing-masters' of his soul". Aber wer weiß, vielleicht sind sich Song und Gedicht inhaltlich ähnlicher als man denkt. Nicht selten, dass der abwegigste Nonsens einen tieferen Sinn ergibt.
BG/TM

Video/Audio
"Constantinople"

 

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