|   Rezension

Kalia Vandever

Mana

(International Anthem)

Die Posaune im Jazz soll Trompete und Saxophon einen Entfaltungsrahmen bereitstellen. Nichts Extravagantes, eher funktional der Beitrag des Instruments. Aber wozu sind Regeln gut, wenn nicht zum Übertreten? Kalia Vandever engagiert sich nach Kräften und befindet sich in bester Gesellschaft damit.

Die Tradition der Posaunenabweichler reicht zurück bis in die erste Hälfte des vergangenen Jahrhunderts zu Kid Ory oder Melba Liston und umfasst darüber hinaus Persönlichkeiten wie Albert Mangelsdorff, Anny Whitehead oder Conny Bauer. Kalia Vandever kombiniert die Posaune mit Gesang und asketischen Klaviereinwürfen, wie charakteristisch für Ryuichi Sakamoto, beziehungsweise bedient sich technischer Gerätschaften zur Erzeugung von Halleffekten, durch deren Einsatz sich die Musik in fast transzendente Schwebezustände versetzt findet. Ein Umstand, der in direkter Korrespondenz zum Albumtitel steht. "Mana" benennt in der Ureinwohnerkultur Hawaiis "the divine and supernatural spirit that gives strength and power to living beings, places, and objects", verrät das Pressinfo des Schallplattenlabels. "In modern culture", heißt es weiter, "mana can be felt, cultivated, and strengthened as you grow closer to your inner self, native land, and ancestral power." 

Den Hauptantrieb für ihr Abweichen von der Posaunennorm bezog Kalia Vandever aus Gastmitgliedschaften in Backingbands von Popstar Harry Styles oder Indierocker Japanese Breakfast, für Folkartistin Haley Heynderickx wurde das Vorprogramm einer kompletten Konzerttournee bestritten. "Mana" ist das vierte Album der in New York lebenden, sich selbst als they/them, sprich non-binär definierenden Person, und ruft mit Nachdruck ins Bewusstsein, dass die Posaune beträchtlich mehr sein kann als das als Blechbratsche oder geblasener Kontrabass verspottete Funktionsinstrument.
Bernd Gürtler/TM


Kalia Vandever
"Mana" 
(International Anthem; 12.6.26)


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