Angefangen vom naiven Frontcoveraquarell bis hin zum verblüffenden Einfallsreichtum der Musik ist "News From Planet Zombie" auf widerspenstigen Optimismus gebürstet, diesmal entstanden das Album bloß anders als der Vorgänger "Vertigo Days" und die meisten Alben wiederum davor. Außenstehenden vielleicht nicht unbedingt vermittelbar, macht die Verfahrensweise einen gravierenden Unterschied für die Band, erläutert Sänger und Gitarrist Markus Acher anlässlich einer Videoschalte. "Wir wollten diesmal kein konventionelles Tonstudio nutzen, arrangiert und aufgenommen wurden die vorskizzierten Songs gemeinsam mit unserem Schlagzeuger Andreas Haberl sowie Gastmusikern in einem Münchner Klub, dem Import Export. Das ergab eine ganz andere Qualität, eine ganz andere Intensität. 'Vertigo Days' war das Gegenteil davon. Dort erarbeitet zwar auch bestimmte Elemente vorab im Zusammenspiel, aber im Nachhinein wurden die Möglichkeiten des Tonstudios umfangreich genutzt, sprich Tonspur auf Tonspur geschichtet. Das Konzept bei 'News From Planet Zombie' war, wir spielen gemeinsam im selben Raum, im selben Moment, inklusive des Gesangs, und das ist der Song. Ich denke, man hört den Unterschied."
Entsprungen sind The Notwist Ende der achtziger Jahre den subkulturellen Rockaktivitäten um das unabhängige Schallplattenlabel Hausmusik im oberbayrischen Weilheim. Als Band würden sie nach wie vor den mehr oder weniger selben Handlungsmaßstäben folgen, versichert Markus Acher. "Damals, das kam aus dem Punk, aus Hardcore und Indierock, einer Do-It-Yourself-Haltung, was immer noch drinsteckt bei uns. Wir versuchen, uns unsere Unabhängigkeit zu bewahren, hinterfragen immer aufs Neue die Regeln, die besagen, wie ein Album zu sein hat, wie ein Label arbeiten, wie die Promotion ablaufen sollte, wie das Musikbusiness funktioniert. Woran sich auch nichts geändert hat, ist, dass wir keine abgehobenen Stars sein wollen, sondern Menschen wie du und ich, denen Fehler unterlaufen, die greifbar sind."
Wie Musikmachen geht, wussten sie lange vor The Notwist. Sowohl Markus Acher als auch sein Bruder Micha starten in der Band von Vater Julius, einer Jazzkapelle namens New Orleans Dixie Stompers. "Wir kamen mit der Musik in Berührung und konnten außerdem das kennenlernen, was ich gerade sagte. Dixieland wurde deutlich häufiger als unser Rock mit The Notwist zu Dienstleistungszwecken dargeboten, als Begleitung eines schönen Nachmittags im Biergarten oder bei Geburtstagsfeierlichkeiten. Trotzdem wurden die Auftritte ernstgenommen. Das haben wir auf jeden Fall auch gelernt in der Band unseres Vaters, uns selbst nicht so wichtig zu nehmen, nicht bloß aufs Geld zu schauen."
Die New Orleans Dixie Stompers ihres alten Herrn sind regelmäßig zu Auftritten auf Stützpunkten der US-Armee in Bayern ausgerückt, wo dann sicherlich Englisch gesungen werden musste. Daher die ausnahmslos englischsprachigen Songtexte bei The Notwist? "Nein, damit begonnen habe ich, weil das, was ich an Rockmusik mochte, auf Englisch war. Ich dachte gar nicht weiter darüber nach, das war für mich so wie der Wechsel von der Klarinette zur Gitarre, als ich feststellte, dass in den meisten meiner Lieblingssongs gar keine Klarinette vorkommt. Bands der Hamburger Schule wie Blumfeld oder Tocotronic hatten natürlich tolle deutschsprachige Texte. Von daher wurde ich auch immer wieder gefragt und habe mich selbst hinterfragt. Oder als wir in Großbritannien aufgetreten sind. Ich stellte mich vor englische Muttersprachler hin und sang als Deutscher Englisch. Tatsächlich habe ich das immer wieder neu überdacht und mich genauso oft für englische Songtexte entschieden, weil ich es gut finde, nicht in meiner Muttersprache zu singen. Einerseits vom Klang her und andererseits, weil Worte auf Englisch eine andere Konnotation haben können. Für mich ergibt das immer noch Sinn und eröffnet die Möglichkeit zur Kommunikation. Wenn du in ein anderes europäisches Land kommst, spricht der Deutsche sein deutsches Englisch, der Italiener sein italienisches Englisch und so fort. Englisch ist eine Universalsprache geworden, damit kannst du dich überall verständigen. Das interessiert mich an Sprache, wie übersetze ich das, wie lassen sich Bilder erschaffen, die etwas ausdrücken, unterbewusster als pure Information."
Logisch, dass die englischen Songtexte bei The Notwist etwas mitteilen wollen. "News From Planet Zombie" sei am besten zusammengefasst durch das finale "Like A River", verrät Markus Acher. "Dort treffen zwei gegensätzliche Pole aufeinander, einerseits die bedrohliche, verrückte, kaputte, wütend machende politische Lage, die auch etwas Skurriles hat, vieles wirkt wie ein übertriebener B-Movie mit Bösewichten, die komplett überzeichnet sind. Gleichzeitig wird eine Liebesgeschichte erzählt und das Positive hervorgehoben, das es braucht, damit wir zusammenfinden."
Sofern es The Notwist nach Dresden verschlägt, dann mit guten Erinnerungen an Auftritte in der Jazzformation des Vaters beim Dixieland Festival. Das war toll, versichert Markus Acher. "Wir trafen auf so viele ähnliche Bands, nicht nur aus Deutschland. Eine super Sache, weil vielfach dieselben Stücke gespielt wurden, und wir sehen konnten, wie das Material von anderen aufgefasst wird. Wir sind beim Umzug auf einem der Wagen mitgefahren. Das Festival ist uns in bester Erinnerung geblieben. Dort sind wir auch nicht die tollen The Notwist gewesen, unsere Band war komplett irrelevant. Wir sind in eine ganz andere Szene eingetaucht, wo anderes wichtiger war. Sehr schön!"
Bernd Gürtler/TM
The Notwist: "News From Planet Zombie" (Morr; 13.3.26)
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