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Endlich angekommen: Interview mit Bonnie Prince Billy zu "We Are Together Again"

The artist officially known as Bonnie Prince Billy erwarb sich nicht von Ungefähr den Ruf, gegenüber Journalisten kein Ausbund an Mitteilsamkeit zu sein. Aber Menschen ändern sich, ergab eine Interviewverabredung per Bildschirmschalte anlässlich "We Are Together Again". 

Rezensenten sind sich einig, "We Are Together Again" ist dein bestes Album überhaupt. Bist du derselben Ansicht?
Das findet sich häufig in den Erzählungen von Kreativen, dass sie behaupten, ihre jüngste Hervorbringung sei ihre beste. Ich würde ungern etwas in der Art von mir geben, für mich fühlt sich das nicht richtig an. Was sich sagen lässt, ist höchstens, dass "We Are Together Again" einiges von dem bündelt, was an Gedeihlichkeiten über die vergangenen Jahre zusammengekommen ist. 

Der Eröffnungssong "Why Is The Lion" beginnt mit der Zeile "Why is the lion still here, outside?" und erweckt spontan den Eindruck einer Gutenachtgeschichte für Kinder nach dem Motto, keine Sorge, Mama und Papa beschützen dich. Die zweite Zeile "Why is our bravery tested?" legt nahe, es geht eher um die Ängste der Eltern. Der Löwe draußen vorm Fenster dient als Metapher für die verstörende Gegenwartswirklichkeit. 
Das spielt mit hinein. Ich lese gerade Jason Burkes "The Revolutionists", eine Abhandlung zur Geschichte des Terrorismus seit den späten sechziger Jahren bis in die Neunzehnhundertachtziger. Richten wir unseren Blick in die Vergangenheit, stellen wir fest, dass der Irrsinn, die Gewalt, die wir erleben, nicht uns allein betrifft. Ich bin es leid, dieses Konzept von Glaube vs. Nichtglaube. Die Metapher des Löwen berührt eine Urangst der frühen Menschheitsgeschichte. Wir sind nicht mehr tatsächlich durch Raubtiere bedroht wie in der Steinzeit, uns kommt das bloß so vor, weil wir uns in ständiger Alarmbereitschaft befinden, wir uns ständig fragen, welcher Ertüchtigungen es bedarf, um uns, unsere Familien, unsere Community zu beschützen, um über den Tag zu kommen, ohne die Hoffnung zu verlieren!?

Stichwort Community, Gemeinschaftssinn scheint eine brauchbare Antwort auf den Alltagswahnsinn zu sein. Du gehst mit gutem Beispiel voran, "We Are Together Again" wurde nicht irgendwo, sondern bei dir in Louisville, Kentucky aufgenommen, mit Musikern vor Ort. 
Ich glaube an die Kraft der Gemeinschaft, absolut! Im Laufe unseres Lebens begreifen wir, was unsere Bestimmung ist, wer wir sind, wie wir in die Welt passen oder eben nicht reinpassen. Irgendwann erkannte ich den positiven Wert von Gemeinschaft als entscheidend für Sicherheit, Geborgenheit, Kreativität, ein erfülltes Leben. Ich schätze mich glücklich, dass ich verschiedene Formen von Gemeinschaft erleben durfte. Ich betrachte es als meine Aufgabe, den Wert von Gemeinschaft hochzuhalten, besonders für jene, die selten in den Genuss kommen. Gemeinschaft ist eine Utopie, aber eine notwendige.

"The Purple Bird", das Vorgängeralbum zu "We Are Together Again", entstand in Nashville, Tennessee, der Welthauptstadt der Country Music. Angefangen bei Bob Dylan, Neil Young, Paul Simon oder Joan Baez sind immer wieder Nichtcountrymusiker nach Nashville gepilgert. Woher diese Anziehungskraft? 
Man fühlt sich dort sofort eingebunden in eine Community, die über Jahrzehnte gewachsen und lebendig geblieben ist wie keine zweite der amerikanischen Musiklandkarte. Die Sessionmusiker, die an "The Purple Bird" mitwirken, sind überdurchschnittlich versiert. Von Natur aus verfügen sie über die Fähigkeit, durch Musik etwas zum Ausdruck zu bringen. Sie schauten sich um in der Welt und fragten sich, wohin sie gehören, und kamen nach Nashville. Das erste Mal mit Sessionmusikern in Nashville gearbeitet habe ich 2005 bei "Master And Everyone". Das war, als wäre ein Traum wahr geworden. Ich traf auf Musiker, die dazu bestimmt sind, musikalischen und emotionalen Ideen Gestalt zu geben. Das ist ihnen in ihre DNA eingeschrieben. Du schaust als Teenager in den Spiegel und erkennst, was dich einzigartig macht. Um sich nicht wie ein Außerirdischer vorzukommen, fragst du dich, was du mit deiner Einzigartigkeit anstellen könntest. Für diese Leute beantwortet sich die Frage durch ihren besonderen Zugang zur Musik. Sie kommen in Nashville zusammen und lassen Dinge möglich werden. 

"The Purple Bird" und "We Are Together Again" haben eines gemeinsam, beide sind freundlicher, fast heiter im Unterschied zu früher. Dein Albumdebüt hieß sogar "I See Darkness"! 
Das Album erschien in den späten Neunzigern, damals ist mir klar geworden, dass mir nur ein Weg offensteht, nämlich die Musik. Ich hatte meinen Platz noch nicht gefunden oder Menschen, mit denen ich einvernehmlich kommunizieren kann. Das war schwierig, weil ich spürte, dass ich, wenn ich keine Musik mache, nicht existiere. Ich hatte keine Vorstellung, wer meine Community sein könnte. Ich bin unter Künstlern in Kentucky aufgewachsen, mit Theater, mit bildender Kunst. An einem bestimmten Punkt erkannte ich, meine Vorstellungen sind andere. Aber als ich wegen "Master And Everyone" nach Nashville ging, dämmerte mir, dass ich jetzt angekommen bin. In Nashville leben Menschen, die Musik atmen, dort gehöre ich hin. "We Are Together Again" hätte nicht in Nashville entstehen können, nur in Kentucky. Das Album beruht auf dem Miteinanderteilen gemeinsamer Krisenerlebnisse, Freundschaften, Erfahrungen, Inspirationen. 

Wegen der Düsternis deiner Songs, auch schon bei Palace Music, deiner Band aus Anfangstagen, wurdest du mit dem Unabomber Ted Kaczynski verglichen. Das britische Mojo Magazine jedenfalls schrieb, dass du jemand bist, der aus dem Dickicht des Unterholzes hervorgekrochen kommt und regelrecht gefährlich ist. Hat das mit deinem eigenen Bild von dir übereingestimmt? 
Mein Mitgefühl denjenigen, die durch Ted Kaczynski zu Schaden gekommen sind, das vorweg. Bei mir selbst erkenne ich tatsächlich einen Hang zum Extremismus, aber ausschließlich in meinem Kreativschaffen. Das lässt sich kaum leugnen. Sowohl in der Kunst als auch im Alltag versuche ich, solche Impulse in etwas Positives umzuwandeln. Das war auch bei "I See Darkness" der Fall. Meine Absicht damals war, eine Verbindung aus Wärme und Horror herzustellen. Ich kann nachvollziehen, wenn Künstlerkollegen freiwillig aus dem Leben scheiden, weil es ihnen nicht gelingt, eine Beziehung zur Lebensrealität herzustellen. Ich aber beschloss, daraus zu lernen. Ich werde der Lebenswirklichkeit nicht entfliehen können, kann das aber in etwas Konstruktives verwandeln, das mir und hoffentlich anderen weiterhilft. Dass wir als Menschheit zuletzt vom Weg abgekommen sind, ist kein Geheimnis. Was aber kann Musik leisten, wenn nicht für Zusammenhalt sorgen? Dass wir Sorgen, Ängste, die Dunkelheit, die uns erdrückt, miteinander teilen? 

Deine frühen Songtexte sind teilweise wirklich heftiger Stoff gewesen. "I hold his arms/Fuck him with something/The fuck he deserves it", heißt es in "A Sucker's Evening" von Palace Music. 
Das geht zurück auf bestimmte Filmerlebnisse aus Teenagertagen wie Rod Luries "Straw Dogs". Ich musste das Kino verlassen, weil ich entsetzt war, was sich mir auf der Leinwand bot. Ich überlegte, weshalb ich bestürzt war, warum Kunstwerke existieren, die mich derart verstören? In uns angelegt ist ein Empfinden für Angst und Bedrohung, das durch Kunst mitunter getriggert wird. Aber ich singe die Zeilen aus "A Sucker's Evening" nicht, weil ich verstören will. Gerichtet war das an Menschen, die ich liebe, um Dinge auf den Tisch zu packen. Das Album, von dem der Song stammt, heißt "Arise Therefore" und entstand mit Steve Albini als Produzenten, David Grubbs von Bastro und Gastr del Sol war als Keyboarder dabei. Beide genießen meinen unbedingten Respekt. 

Was gewesen ist, liegt offenbar hinter dir inzwischen. Weil dir jemand wie der Protagonist aus "(Everybody's Got A) Friend Named Joe" begegnet ist, der einen Ausweg aus der Düsternis aufzeigen konnte?
Der Mittelname meiner Tochter ist Joe, mein Vorname Joseph, mein Vater hieß Joe. Ich verbinde die Namen in einer Person. Joe hat in den USA eine metaphorische Bedeutung, seit Bill Clinton von Joe, dem Klempner sprach, wenn er den Durchschnittswähler meinte. Ich wollte Joe interessanter machen. Der Durchschnittsjoe ist nicht gewöhnlich, er ist einzigartig, jede gewöhnliche Person ist einzigartig. Ich will sagen, seht her, hier ein Beispiel für jedermann, aber jeder ist auf seine Weise seltsam, freundlich, wie auch immer.

Aber was ist dir persönlich widerfahren, dass du dich jetzt angekommener fühlst, dir Gemeinschaftssinn wichtig geworden ist, du sogar deine Wortkargheit gegenüber Journalisten aufgibst?
Wir könnten zurückgehen bis 9/11 und über die Verwerfungen in den westlichen Gesellschaften seither sprechen. Das findet kaum Erwähnung in einer Weise, die es verdient, konstruktiv genannt zu werden was zwischenmenschliche Beziehungen angeht. Mir persönlich widerfahren ist, dass mein Vater 2006 gestorben ist. Gleichzeitig wurde bei meiner Mutter Alzheimer diagnostiziert, sie starb 2020. Das sind absolut herausfordernde vierzehn Jahre gewesen bis dahin. Als meine Mutter starb und ich noch lebte, nach wie vor Musik machte, nach wie vor verheiratet war und Vater einer Tochter wurde, dachte ich, dass ich, wenn ich etwas wie das bewältige, alles schaffen kann. Jetzt, nachdem der Tod meiner Eltern langsam in den Hintergrund rückt, fühle ich mich stärker herausgefordert vom Alltag und dem Bedürfnis, meinen Alben häufiger Freude mitzugeben, mehr Empowerment, mehr von der Erfahrung was es bedeutet, das zu durchleben, was ich durchlebt habe, zum Glück mit jemandem auf der anderen Seite.

Deine verstorbene Mutter war bildende Künstlerin und hat an der Covergestaltung zu mehreren deiner Alben mitgewirkt.
In einer früheren Phase arbeitete sie mit Kollagen, später mit Spiralbildern. Das letzte Albumcover, das von ihr stammt, ist das zu "The Wonder Show Of The World" von Bonnie Prince Billy & The Cairo Gang. Der Hahn auf "Ease Down The Road" oder der Totenschädel auf "I See Darkness" stammen auch von ihr. Sie hat gemalt, bis es nicht mehr ging. 

Erinnerst du dich an deine Kooperation mit dem Boxhead Ensemble anlässlich des Filmprojekts "Dutch Harbor – Where The Sea Breaks Its Back"? 
Unbedingt! Für "We Are Together Again" entstand ein Video zu "Life Is Scary Horses" mit Braden King, einem der Beteiligten bei "The Last Place To Go", dem Dokumentarfilm zu "Dutch Harbor". Ein großartiges Projekt, mit Jim O'Rourke im Soundtrack, mit Mick Turner und Jim White von Dirty Three in der Tourbesetzung.

Die Tour des Boxhead Ensembles hatte seinerzeit auch in Dresden im Beatpol Station gemacht. Im Booklet zum Soundtrackalbum beschreibst du mit bewegenden Worten deinen Tourstopp in der sächsischen Elbmetropole. 
Keine Ahnung, ob sich das komisch anhört, aber ich kenne Dresden aus Kurt Vonneguts "Slaughterhouse Five Or The Children's Crusade". Ein wichtiges Buch für mich als Teenager. Eine intensive, kraftvolle Lektüre in mehrfacher Hinsicht. Das verankerte Dresden in meinem Bewusstsein. Der Luftangriff, die Zerstörung der Stadt, und das verarbeitete zu einem verwegenen Science-Fiction-Roman, der vorwärts und rückwärts springt in der Zeit. Es war ergreifend, im Gedanken daran nach Dresden zu kommen.

Nicht viele aus deinem Publikum wissen sicherlich, dass du auch Schauspieler bist. Dein erster nennenswerter Film war "Matewan", wo du in der Rolle des Danny Radnor, eines Bergarbeiters und Priesters im Virginia der 1920er Jahre, zu sehen bist. Kam dir die Figur vertraut vor? Du stammst aus der Gegend?!
Richtig, ich bin geboren und aufgewachsen in Kentucky. Der Bergbau ist nach wie vor prägend im Südosten an der Grenze zu West Virginia. Der Film ein tiefes Eintauchen in die Geschichte meiner Herkunftsregion. Die Filmemacher halfen mir, mich für meine Rolle schlau zu machen und versorgten mich mit Lesestoff und Audiokassetten mit Interviews von Bergarbeitern und Sängern aus West Virginia. Vor Ort nahm mich ein Baptistenprediger unter seine Fittiche, ich verbrachte Zeit mit ihm, konnte ihn beobachten. Der Film war eine prägende Erfahrung. Vor einigen Wochen sang ich in New York einen Song aus dem Film auf einer Gedenkveranstaltung für ein verstorbenes Mitglied der Filmcrew. Mitgenommen habe ich, dass du, wenn du eine Geschichte erzählen willst, das so tiefschürfend, so facettenreich wie möglich schaffen musst. 

Bürgerlich heißt du Will Oldham, dein Bühnenname geht unter anderem zurück auf Bonnie Prince Charlie, eine historische Gestalt aus der Geschichte Schottlands. Was findest du interessant an dem Mann?
Mit zwölf, dreizehn war ich Mitglied einer Theatertruppe. Wir besuchten Schottland und dort die Wirkungsstätten von Bonnie Prince Charlie. Parallel war ich auf Robert Louis Stevensons Roman "Kidnapped" gestoßen, wo Bonnie Prince Charlie eine Figur ist, auf die sich ständig bezogen wird, die aber nie auftaucht. Meine Idee war, Bonnie Prince Billy ist jemand, der existiert, aber auch nicht existiert, der nie anwesend ist und trotzdem als humanistische Kraft Entscheidungen und Aktivitäten dominiert. 
Bernd Gürtler/TM


Bonnie Prince Billy
"We Are Together Again" 
(Domino; 6.3.26)


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Foto: Urban Wyatt
Foto: Danielle Bartley
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