|   Rezension

Mike Reid & Joe Henry

Life And Time

(Work Song/Thirty Tigers)

Die Frontcoverabbildung zeigt Mike Reid und Joe Henry sich gegenüberstehend, als würden beide ihr Spiegelbild im jeweils anderen erkennen. Wie überaus passend! Angemessener könnte der Charakter des Gemeinschaftsalbums der amerikanischen Songschreibergranden wirklich nicht illustriert sein.

Mike Reid ist sicherlich denjenigen ein Begriff, die ihre Playlists häufiger mit Bonnie Raitt, Ronnie Milsap, Tanya Tucker oder Conway Twitty bestücken. Unter anderem sie sind Nutznießer seiner unumstrittenen Songschreiberqualitäten gewesen, ablesbar an zahllosen Hitparadennotierungen. Joe Henry kennt man als Schwager von Popikone Madonna, vorrangig aber hoffentlich als gefragten Produzenten und von Kritiken wie eingeschworenen Anhängerschaften geschätzten Sängerbarden mit knapp zwei Dutzend hochgelobten Albumeinspielungen unter eigenem Namen.

Weshalb ausgerechnet er die Partnerschaft mit einem Mitbewerber einging? Mike Reid und er sind sich bei einem von Countryaltmeister Rodney Crowell organisierten Songschreiberworkshop in Nashville, Tennessee begegnet und konnten sofort verblüffende Schnittmengen feststellen. Beide begeistern sich für "people that have contributed to our evolution as thinkers, readers and writers", geht aus dem Presseinfo des Schallplattenlabels hervor. Und Joe Henry fand, dass er sich im Nachgang seiner Soloscheibe "All The Eye Can See" von 2022 mehr zum Songtextschreiben als zum Komponieren hingezogen fühlt. Er schickt Mike Reid eine seiner aktuellen Songtextkreationen und bekommt sie als zauberhafte Pianoballade zurück. Organischer hätte es sich nicht fügen können, dachten beiden, und prompt wurde ein komplettes Album in Angriff genommen.

Das Piano ist Hauptinstrument, nachträglich dezent verfeinert durch Blechbläser und Keyboards, die wirken wie von jenseits des Tonstudiogemäuers herüberklingend. Hinweise auf das turbulente Weltgeschehen ergeben sich höchstens aus dem Titelsong zu "Life And Time", dessen Eröffnungstextzeile "I went north when trouble came" auf Flucht und Vertreibung in schwierigen Zeiten hindeuten könnte. Der Rest ist poetische Anmut in Reinkultur. Nichts will sich aufdrängen, im Gegenteil, die Zeit scheint innezuhalten. Dieses Album eignet sich für nichts so sehr wie das was dereinst als besinnliche Stunden bezeichnet wurde.
Bernd Gürtler/TM


Mike Reid & Joe Henry
"Life And Time"
(Work Song Inc/Thirty Tigers; 5.9.25)


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Foto: Michael Wilson

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