|   Rezension

Mekons

Deserted

(Glitterbeat)

Noch unschlüssig in ihren Anfangstagen, ob sie ein marxistischer Debattierzirkel oder Punkrockdilettanten im Geist der Sex Pistols sein wollen, sollte sich alsbald zeigen, dass sich beides hervorragend verbinden lässt, sogar mit einer individuellen Note. Ihre Debütsingle "Never Been In A Riot" setzte einen energischen Kontrapunkt zur Straßenkampfhymne "White Riot" von The Clash.

Fast ein halbes Jahrhundert ist das her. Kaum eine Bandgründung von damals hatte Bestand oder existiert höchstens noch sporadisch. Die Mekons gehören zu den wenigen, die von sich behaupten dürfen, durchgehend präsent gewesen zu sein. Ein Umstand, der sich dadurch erklären dürfte, dass nicht enthemmte Geldvermehrung ihre Hauptmotivation ist, sondern die Lust am kollektiven kreativen Schaffen. Jedenfalls ergab das ein aktuelles Interview des Onlinemagazins The Quietus mit Jon Langford; der ehemalige Kunststudent der University Of Leeds gehörte 1977 zur Gründungsbesetzung und ist nach wie vor federführend. Sobald das nächste Album ein Abklatsch des Vorgängers zu werden droht, wird kurzerhand die Versuchsanordnung geändert. "Deserted" entstand im Studio des Mekons-Bassisten Dave Trumfio in der kalifornischen Mojave-Wüste unweit des Joshua-Tree-Nationalparks. Wenig überraschend von daher die zahlreichen Wüstenreferenzen. "Lawrence Of California" nimmt Bezug auf das epische Leinwanddrama "Lawrence Of Arabia" mit Peter O'Toole und Omar Sharif in den Hauptrollen. "In The Desert" verbindet das Sonet "Ozymandias" des englischen Dichters Percy Bysshe Shelley über die Vergänglichkeit des ägyptischen Pharaonenreiches mit den gescheiterten Wüstenexpeditionen von Papa und Sohnemann Bush beziehungsweise Tony Blair. "Harar 1883" geht zurück auf Schwarzweißfotografien des französischen Dichterrebellen Arthur Rimbaud, entstanden gegen Ende seines Lebens, als er in Äthiopien mit dem Handel von Pelzen und Kaffee doch noch ein erkleckliches Auskommen fand. Zwischendurch funkeln die Sterne am Nachthimmel über dem australischen Outback, siehe "How Many Stars". Hatten sich die Mekons sehr schnell den Dub Reggae eines Lee Perry einverleibt und angestoßen durch Jon Langfords Wohnsitzwechsel nach Chicago mit der Good Old Country Music von Hank Williams bis Johnny Cash auseinandergesetzt, beschwört das Finale von "Weimar Vending Machine", angelehnt an eine kuriose Iggy-Pop-Episode im Westberlin der David-Bowie-Ära Ende der siebziger Jahre King Crimsons Robert Fripp und dessen berühmte Frippertronics. Zum guten Schluss spült der kräftige Regenguss des von Sally Timms gesungenen "After The Rain" jegliches Ungemach hinweg und sorgt für eine frische Brise.
BG/TM

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