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Lambchop: Mit "Showtunes" schwungvoll durch die Krise

Die Welt seit über einem Jahr ausgebremst durch das Coronavirus. Bedeutet für Musiker, seit über einem Jahr keine Konzertauftritte, keine Konzerttourneen. Wahrlich zum Verzweifeln! Kurt Wagner wusste sich dennoch gut zu beschäftigen und lässt der Coverkollektion "Trip" vom vergangenen Herbst schwungvoll ein weiteres neues Album seiner Formation Lambchop folgen, diesmal mit neuen, eigenen Songs sogar. Aber ist "Showtunes" (CitySlang) Lambchops Coronaalbum? Niemals, entgegnet Kurt Wagner während einer Videoschalte im Vorfeld der Albumveröffentlichung. Obschon Pandemiebezüge naheliegend wären.

Foto: Steve Gullick
Foto: Angelina Castillo
Foto: Angelina Castillo

"Showtunes" ist wirklich kein Coronakrisenalbum?
Nicht ansatzweise! Lange bevor wir uns auch nur vorstellen konnten, was passieren würde, sind die Songs geschrieben gewesen für einen Auftritt beim Music & Arts Festival in Eaux Claires, Wisconsin. Erst als das Festival pandemiebedingt ausfallen musste, wurde entschieden, das Material anderweitig zu nutzen. Dank der Albumveröffentlichung sind die Stücke jetzt einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich als bei einem einzelnen Festivalauftritt. Eine vorteilhafte Wendung, die sich aus fatalen Umständen ergab.

Aber im Presseinfo des Schallplattenlabels heißt es, die Charaktere im Videoclip zu "Fuku", einem Kernstücke von "Showtunes", würden "try and fail to communicate their experiences". Später in "Drop C" bleibt die Songtextzeile "I tried to stay connected" hängen. Die Schwierigkeiten, seine Empfindungen zu artikulieren, der Verlust sozialer Kontakte, sind unbedingt Begleiterscheinungen der Coronabeschränkungen!
Die Pandemie wird unsere Art, miteinander zu kommunizieren verändern, so viel steht fest. Wenn wir uns von Mensch zu Mensch höchstens noch innerhalb der eigenen Familie begegnen können, hat das ein verstärktes Gefühl der Isolation zur Folge. Als es losging und wir über Skype und Zoom in Verbindung getreten sind, fanden wir das anfangs irgendwie toll. Auf einen Bildschirm zu starren, kommt uns inzwischen vor wie ein Besuch im Knast, wo man seinem Gegenüber durch eine Glasscheibe begegnet und über eine räudige Telefonverbindung miteinander spricht. Das prägt uns emotional wie intellektuell und setzt den Rahmen, in welchem wir Songs wahrnehmen. Die jeweilige Situation, in der uns ein Song erreicht, bleibt selten ohne Wirkung. Nahezu alles, was vergangenes Jahr veröffentlicht wurde und dieses Jahr noch veröffentlicht wird, dürfte auf Pandemiebezüge abgeklopft werden. Wer in einer tragischen Liebesbeziehung festsitzt und ein Liebeslied hört, wird sehr wahrscheinlich auch in Tränen ausbrechen.

Was bedeutet der Songtitel "Fuku"?
Weiß nicht, keine Ahnung.

Internetrecherchen ergeben Referenzen an japanisches Essen oder die Reaktorkatastrophe von Fukushima.
Wirklich? Wusste ich nicht. Der Song entstand in Kooperation mit dem Kölner DJ und Produzent Twit One. "Fuku" lautete die Bezeichnung seines Musikfiles, das er mir zuschickte und von mir weiterverarbeitet wurde. Ich nahm an, "Fuku" bedeutet "For Kurt". Aber ich weiß es wirklich nicht, ich habe nie nachgefragt.

Es besteht keinerlei Zusammenhang zwischen Songtitel und Songinhalt?
Nein, überhaupt nicht. Ein Fuku, wer oder was das auch sein mag, kommt im Song nicht vor. Wenn man beginnt, neue Songs zu schreiben, vergibt man Arbeitstitel, die später durch richtige Titel ersetzt werden. Bei "Fuku" ist es beim Arbeitstitel geblieben. Angelehnt sind sämtliche Stücke des Albums an berühmte Broadwaymusicals, an Songs aus dem Great American Songbook. Gedreht wurde das Video zu "Fuku" von Doug Anderson, der über reichlich Erfahrung mit Showbühnenproduktionen verfügt.

Beim Mitlesen deiner Songtexte entsteht häufig der Eindruck, dass das jeweils kleinere Ausschnitte aus einem Gesamtbild sind, das nur du vollständig zu kennen scheinst.
Könnte man sagen, ja.

Sollten deine Hörer besser über das Gesamtbild Bescheid wissen, um den Songs mehr abgewinnen zu können?
Nein, jeder darf sein eigenes Gesamtbild entwerfen. Es ist nicht wichtig, worauf ich mich beziehe oder was ich versuche zu artikulieren. Ich möchte, dass das offen bleibt für Interpretationen. Ich mag keine Songs, die zu eindeutig sind.

"A Chef's Kiss" enthält deutlich vernehmbar den Hinweis auf einen "civil war veteran". Welches Gesamtbild könnte sich daraus ergeben?
Beim Songschreiben schieben sich manchmal zufällige Alltagseindrücke dazwischen, die ich einfließen lasse. In dem Fall ist es das Wort 'Piccalilly' gewesen, das eine Würzsoße der amerikanischen Südstaaten aus Bürgerkriegszeiten bezeichnet. Aber ich will wirklich niemandem in sein eigenes Gesamtbild reinreden.

Der Bürgerkriegsveteran aus "A Chef's Kiss" erinnert an "The Decline Of Country And Western Civilisation", einen Lambchop-Song aus dem Jahr 2006. Dort erwähnt Nathan Bedford Forrest, ein Südstaatenbürgerkriegsgeneral und Ku-Klux-Klan-Mitstreiter. Aus dem einen wie dem anderen Song ließen sich auch Hinweise auf deinen eigenen Südstaatenhintergrund ableiten. Seit frühester Jugend lebst du in Nashville, Tennessee.
Stimmt, ich bin in Nashville aufgewachsen, die Südstaaten sind Bestandteil meiner Erfahrungswelt. Ihre unrühmliche Vergangenheit ist nach wie vor nicht bewältigt, wie jeder weiß. Ohne unnötig selbstgerecht werden zu wollen, aber es bleibt noch einiges zu tun in der Region. Das Erbe ist noch nicht überwunden.

Was macht Nashville lebenswert?
Wegen meiner Collegeausbildung und meines Studiums bin ich zehn Jahre weg gewesen, ich wollte unbedingt in der Großstadt leben. Nach meiner Rückkehr war nicht geplant zu bleiben. Aber während des Wegseins sind mir bestimmte Qualitäten des Ortes, den ich verlassen hatte, bewusst geworden. Geblieben bin ich auch aus familiären Gründen. Ich konnte näher bei meinen Eltern sein, was wichtiger wurde, je älter sie geworden sind. Mir gefiel der Charakter der Stadt. Was aus Nashville geworden ist, gefällt mir weniger. Ich nehme das Gute zusammen mit dem Wenigerguten.

Nashville gilt als Welthauptstadt der Country Music, ist tatsächlich aber eine Hochburg der industriellen Musikverwertung und eher kein Begriff wegen ihrer kreativen Subkultur. Die es sehr wohl gibt, siehe Lambchop, siehe die Black Keys, die White Stripes.
Die Black Keys sind von Akron, Ohio, die White Stripes aus Detroit, Michigan, nach Nashville gezogen, aus denselben Gründen, die ich zwanzig Jahre zuvor schon für ausschlaggebend hielt. Nämlich dass Nashville einen Musikbetrieb mit perfekt ausgebauter Infrastruktur bietet, ähnlich New York oder Los Angeles. Es ist ein lebenswerter Ort, zentral gelegen und hat alles was es braucht, um Schallplatten zu machen. Das war essentiell, als es losging mit Lambchop. Das Songschreiben, die Songeinspielung, das Mastering, die Schallplattenpressung konnten wir im Umkreis von einer Meile von meinem Haus aus bewältigen. Das war alles sehr einfach. Als sich rausstellte, dass wir gar kein großes Schallplattenlabel brauchen, sondern uns alles selbst organisieren können, war es ein Kinderspiel, die eigene Schallplatte Wirklichkeit werden zu lassen. Viele kommen für eine Albumeinspielung nach Nashville und verschwinden wieder. Wir sind aus Nashville und servieren gewissermaßen Gemüse aus eigenem Anbau, in unserem eigenen kleinen Restaurant. Dass wir keine typische Countryband sind, ist nicht der Punkt. Der Punk ist, dass wir aus Nashville sind, dort unsere Wurzeln liegen.

Selbstverständlich sind Lambchop keine typische Countryband. Nichtsdestotrotz werdet ihr nach wie vor der Country Music zugeordnet!
Daran sind wir selbst sicherlich nicht ganz unschuldig. Aber ich dachte wirklich, wer genau hinhört, wird erkennen, dass das rein gar nichts mit Country zu tun hat. Gleichwohl nutzen wir Konzepte, die der Country Music entlehnt sind. Die Produktion, die Arrangements, das ist dem originalen Nashville Sound abgelauscht. Die Inhalte sind andere, als das Publikum erwartet.

Country Music ist in Nashville derart dominant, dass oft vergessen wird, dass die Stadt auch großartige elektronische Musik hervorgebracht hat. Beginnen bei Gil Trythall, einem Pionier des Moog Synthesizers; seine beiden Alben "Switched On Nashville (Country Moog)" und "Nashville Gold", wo er Countrystandards für den Moog Synthesizer bearbeitet, sind Klassiker. Du selbst hattest dich mit deiner Splitterband HeCTA der elektronischen Musik zugewandt. Auch Lambchops "Showtunes" wirkt elektronischer als frühere Alben.
Es gibt eine Elektronikszene, unbedingt. Ren Schofield zum Beispiel, der unter dem Künstlerpseudonym Container elektronische Musik veröffentlicht. Aber er lebt heute in London. Er ist weggegangen, wie viele andere auch.

Du bist Absolvent einer Kunstakademie, hast Malerei und Bildhauerei studiert. Deine Songs gelten dir als klingende Skulpturen, deren Wirkung sich erst in passender Umgebung entfaltet. So atmosphärisch wie sich "Showtunes" anhört, scheint es, als sei diesmal über die Songs hinaus eine Umgebung miterschaffen worden.
Aus meinem Kunststudium weiß ich, dass eine Skulptur niemals bloß aus dem Objekt an sich besteht. Ein guter Bildhauer berücksichtigt das. Ich bin mir sicher, Rodin wusste, dass das, was er schuf, im Einklang mit seiner Umgebung stehen musste. Viel zu oft sind Skulpturen falsch platziert, und der Betrachter verkennt ihren Reiz. Und, ja, mit "Showtunes" wollte ich eine Umgebung miterschaffen, das Album funktioniert als Ganzes.
Bernd Gürtler SAX 6/21

Video/Audio
"Fuku"
 

 

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