|   Rezension

Josephine Foster And The Supposed

All The Leaves Are Gone

(Fire)

Ist das herrlich schräg, phantastisch! Entweder Josephine Foster liegt gesanglich daneben oder ihr Gitarrist vertut sich. Nicht nur wegen der höchstwahrscheinlich zufälligen Namensüberschneidung erinnert das geradewegs an Florence Foster Jenkins, die amerikanische Anwaltstochter und verhinderte Operndiva, die zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts New Yorker Salons und Schaubühnen erobern konnte, obwohl sie selten den richtigen Ton traf; von Meryl Streep einfühlsam dargestellt 2016 im nach der historischen Figur benannten Kinostreifen. Wobei hier genau der umgekehrte Fall vorliegen dürfte, einiges spricht dafür.

Geboren 1974 in Colorado, singt Josephine Foster auf Beerdigungen und Hochzeiten, bevor sie tatsächlich ein Gesangsstudium im Opernfach beginnt, sogar einige Zeit in Chicago als Gesangslehrerin arbeitet. Ganz sicher wäre sie in der Lage die richtigen Töne zu treffen, wenn sie nicht die Dissonanz zu ihrem Stilmittel erhoben hätte. Mit der Dauer des Zuhörens wächst die Bewunderung umso mehr. Bewusst und auch noch an den dramaturgisch gewollten Stellen seinem eigenen intuitiven Harmonieempfinden zuwiderzuhandeln, das will gekonnt sein. Respekt!

Mindestens ebenso sehr wie im klassischen Operngesang, ist Josephine Foster in der amerikanischen Folktradition verwurzelt. Beiträge von ihr finden sich sowohl 2004 auf Devendra Banharts legendärer Neofolk-Compilation "Golden Apples" als auch 2015 auf "Remembering Mountains", einem Tributealbum für die vergessene amerikanische Folksängerin Karen Dalton.

Daneben sind ein gutes Dutzend eigene Alben erschienen, darunter 2006 "A Wolf In Sheep's Clothing", mit Coverversionen deutschsprachiger Liedklassiker wie Franz Schuberts "Der König in Thule" (Text: Johann Wolfgang von Goethe) oder Robert Schumanns "Wehmut" (Text: Joseph von Eichendorff), gesungen von Josephine Foster auf Deutsch! Jetzt freut man sich schon wieder auf das nächste neue Album von ihr, den Nachfolger zu "Faithful Fairy Harmony" von 2018. "All The Leaves Are Gone", eins ihrer besten Alben überhaupt, ist eine Wiederveröffentlichung.
Bernd Gürtler/TM


Josephine Foster
"All The Leaves Are Gone"
(Fire; 29.11.2019)


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Foto: Fire Records

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