|   Rezension

Beth Gibbons & The Polish National Radio Symphony Orchestra

Henryk Górecki: Symphony No. 3 (Symphony Of Sorrowful Songs)

(Domino)

Schon wegen der stimmlichen Voraussetzungen ein gewagtes Unterfangen. Henryk Górecki schrieb seine "Symphony No. 3" für einen Sopran. Beth Gibbons, Sängerin der britischen TripHop-Formation Portishead rangiert eine Tonlage darunter. Experten, die es wissen müssen, bescheinigen ihr eine Altstimme. Auch ist es gar nicht ihr eigener Entschluss gewesen, sich an dem ziemlich berühmten Orchesterwerk der avantgardistischen Sinfonik zu versuchen.

Auf die Idee brachte sie der Promotor Filip Berkowicz am Rande eines Portishead-Auftritts beim Sacrum-Profanum-Festival im polnischen Nowa Huta. Dennoch blieb nichts unversucht, den Erfordernissen zu entsprechen. Beth Gibbons nahm Gesangsunterricht, lernte Notenlesen und anhand einer eigens entwickelten Lautschrift Polnisch, um das Libretto in der Originalsprache singen zu können. Ihr nach wie vor zerbrechlicher Gesang fügt den bereits reichlich vorhandenen Fassungen eine zarte, empfindsame Note hinzu. Ursprünglich entstanden 1976 im Auftrag des Südwestfunks in Baden-Baden, erlangt die Komposition 1992 massenhafte Popularität durch eine Neueinspielung des Kammerorchesters London Sinfonietta, mit Gesangssolistin Dawn Upshaw sowie David Zinman als Dirigenten. Diese Veröffentlichung verkauft sich wie geschnitten Brot, das verantwortliche Schallplattenlabel Nonesuch schwärmt noch heute. Im Windschatten des Erfolgs verfasst die Manchesteraner Gruppe Lamb mit "Górecki" einen Tributesong an den Komponisten. Mehrfach findet seine Musik als Soundtrack Verwendung, unter anderem in Maurice Pialats "Fearless", in Peter Weirs "Basquiat" und erst kürzlich wieder in Felix Van Groeningens Drogendrama "Beautiful Boy". Wachsamen Rezensenten ist selbstverständlich nicht entgangen, dass Portishead als Unterstützer der umstrittenen Palästinenserorganisation BDS gelten und eines der Klagelieder, auf die sich "Symphony No. 3" bezieht, von einem Folteropfer aus dem Gestapo-Kerker von Zakopane stammt. Wobei jeweils unverifiziert bleibt, ob Beth Gibbons die Meinung ihrer Bandkollegen überhaupt teilt, und ebenso gern übersehen wird, dass der bekennende Katholik Henryk Górecki zwar wegen eines von der polnischen Regierung unterbundenen Papstbesuchs in Katowice 1979 von seinem Amt als Rektor des Musikkonservatoriums der Stadt zurücktrat, aber eben einer Glaubensgemeinschaft angehört, die auch in Polen wegen zahlloser Fälle von Kindesmissbrauch in die Schlagzeilen geriet und erst kürzlich wieder für Aussehen sorgte, als katholische Priester in Danzig Harry Potter-Bücher als Machwerk des Teufels hatten öffentlich verbrennen lassen. Wer sich angesichts solcher ideologischen Wirrnisse den Genuss an der Musik nicht verderben lassen will, hält es am besten mit dem 2010 verstorbenen Komponisten selbst. In einem Nachruf der New York Times wird Henryk Górecki mit den Worten zitiert, an Musik gäbe es nichts Politisches. Musik sei Musik, nichts sonst.
BG/TM

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