|   Rezension

Loudon Wainwright III

Lifetime Achievement

(Proper/Bertus)

Recht dürftig seine Bilanz, sofern Hitparadennotierungen das Maß der Dinge sein sollen. Ein einziges Mal gelistet der Amerikaner, zu Beginn der siebziger Jahre mit der gar schrecklichen Moritat vom Stinktier, das beim Überqueren des Highways plattgefahren wurde. Nicht von ihm, er steuerte eins der nachfolgenden Automobile und behielt noch lange den strengen Geruch in der Nase, der vom Kadaver der getöteten Kreatur ausging. Heute vielleicht als Plädoyer für besseren Tierschutz lesbar, galt "Dead Skunk" zum Zeitpunkt der Veröffentlichung als Novelty Song derber Sorte, typisch Loudon Wainwright III.

Der Sohn eines Zeitungskolumnisten und einer Yogalehrerin aus Chapel Hill, North Carolina macht es sich früh zum Grundsatz, unbedingt über sich zu schreiben und das was ihm widerfährt. Seine inzwischen knapp dreißig Albumveröffentlichungen ergeben eine nahezu chronologische Lebensgeschichte, erzählt mit Sinn für Ironie und die tragikomischen Momente. Gar keine Frage, Loudon Wainwright III gehört zu den profiliertesten Songschreiberpersönlichkeiten der Vereinigen Staaten. Doch während sich sein Publikum stets prächtig unterhalten vorkommen durfte, sind vor allem Familienmitglieder weniger amüsiert gewesen.

Rufus Wainwright musste "Rufus Is A Tit Man" wegstecken, weil Daddy unbedingt mitteilen wollte, dass sein ältester Sohn noch nach der Mutterbrust verlangte als Gleichaltrige längst entwöhnt waren. Tochter Martha bekam mit "Pretty Little Martha", "Five Years Old", "Hitting You" oder "That Hospital" teils unerfreuliche Episoden wiederum ihrer Kindheit und Jugend ins Bewusstsein gerufen.

Nun trifft es zwar zu, dass sich Loudon Wainwright III auch bloß von einer übermächtigen Vaterfigur zu emanzipieren versuchte, immerhin war sein alter Herr kein gewöhnlicher Zeitungskolumnist, sondern arbeitete für das amerikanische Life Magazine, zeitweise sogar als dessen Herausgeber.

Zumindest aber Rufus und Martha Wainwright sehen sich zur Bewältigung einer toxischen Familienmitgift genötigt. Den beiden blieb fast gar keine andere Wahl als ebenfalls ins Songschreiberfach zu wechseln, um der Bürde Herr zu werden. Seinen drei ex-Ehefrauen Kate McGarrigle, Suzzy Roche sowie Ritamarie Kelly und ebenso der amtierenden Lebensgefährtin Susan Morris dürfte endgültig der Kragen platzen angesichts "Fam Vac" von "Lifetime Achievement", das Familienurlaube als Vorhof der Hölle beschreibt.

Zweifellos können sie das für Kreativschaffende unter Umständen sein, aber Offenheit hat Grenzen. Wobei es schon sein kann, dass den Zuhörer bloß deshalb die Fremdscham überkommt, weil das rigorose Nackigmachen in der Öffentlichkeit durch die Selfiegesellschaft zum Volkssport erklärt wurde. Momentan jedenfalls will es scheinen, dass "Lifetime Achievement", Nachfolger von "I'd Rather Lead A Band", ein ziemlich verstörendes, vorläufiges Bookend zum Debütalbum aus dem Jahr 1970 bildet. Ob ihm das auch aufgefallen ist? Sein Gesang wirkt streckenweise seltsam unwirklich und fremdkörperhaft, besonders auffällig in den opulenter arrangierten Songs.
BG/TM

Audio/Video
"Dead Skunk"

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