|   Rezension

Beth Orton

Weather Alive

(Partisan)

Das Album einer Frau, die sich ein Bild von sich selbst macht, als wichtigsten ersten Schritt zurück ins Leben. Oder wie sonst sollte das Albumcover zu verstehen sein, mit dem, was aussieht wie ein Spiegel, der Beth Orton in Ganzkörpergröße zeigt und platziert ist am Sandstrand eines zerklüfteten Küstenstreifens. Ringsum Düsternis und karge Landschaft, die Künstlerin selbst eine konturenscharfe Persönlichkeit im freundlichen Licht der Abendsonne. Tatsächlich vollzogen hat sich der Findungsprozess im Gartenhäuschen ihres Wohndomizils im Londoner Norden an einem Klavier vom Flohmarkt.

Beth Orton gilt als versierte Fingerpickerin, absolviert jedoch zu Beginn ihrer Karriere Gastauftritte bei namhaften Elektronikern wie William Orbit, Andrew Weatherall oder den Chemical Brothers, so dass ins eigene Debütalbum "Trailer Park" ebenfalls Elektronikanleihen einfließen und sie das Stiletikett Folktronica aufgedrückt bekommt; eine Zuschreibung, die ihr heute kurios vorkommt.

Mehrere Verkaufserfolge und Awardwinnings später werden die Pausen zwischen neuen Albumveröffentlichungen länger. Sechs Jahre liegen zwischen "Weather Alive" und dem Albumvorgänger "Kidsticks". Aber nicht nur, weil Beth Orton inzwischen mit dem amerikanischen Folkerneuerer Sam Amidon verheiratet und zum zweiten Mal Mutter geworden ist. Ausgerechnet auf dem Höhepunkt der Coronapandemie kündigt ihr ihre Schallplattenfirma. Schon länger sieht sie sich mit gravierenden gesundheitlichen Problemen konfrontiert, deren genaue Benennung das Presseinfo des Schallplattenlabels tunlichst vermeidet.

Die britische Tageszeitung The Guardian agiert transparenter und sorgt dafür, dass haltlosen Spekulationen der Nährboden entzogen wird. Beth Orton leidet an Morbus Crohn, einer komplexen Darmerkrankung, die bei ihr zu allem Übel jahrelang falsch behandelt wurde. Mit der richtigen Medikamentierung geht es besser. Kurzerhand überantwortet sie die Kinder dem Ehemann und zieht sich ins besagte, zum semiprofessionellen Aufnahmestudio umgebaute Gartenhaus zurück.

Entsprechend gerät das Album. Die acht Songs ergeben jeweils einen eigenen, hermetischen Klangkosmos, der unentwegt mit der Außenwelt kommunizieren möchte. Ähnlich wie bei "Trailer Park", wo ihr virtuoses Gitarrenspiel niemals die Oberhand gewinnt, geht das Klavier, das die Ausgangsinspirationen zu "Weather Alive" lieferte, im Gesamtbild auf. Für die eher jazzorientierte Rhythmussektion konnten Tom Skinner und Tom Herbert von Sons Of Kemet und The Smile beziehungsweise The Invisible und Polar Bear gewonnen werden. Gastsaxophonist ist kein Geringerer als Alabaster DePlume.
BG/TM

Video/Audio
"Weather Alive"
"Friday Night"
"Fractals"

Partisan Records

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