Die Großstadt, der Saigon Soul Revival Herkunft und Bandnamen verdanken, heißt heute anders. Überdauert hat eine Populärmusiktradition, die sich ab Mitte der Sechzigerjahre unter dem Eindruck der weltweiten Verbreitung von Rock, Soul und Folk herausbilden konnte. Tragischerweise vollzog sich die Entwicklung parallel zum massiv durch die USA befeuerten Bürgerkriegsgeschehen, sodass nach dem Sieg des kommunistischen Nordens über den Süden Künstler von dort ideologisch unter Generalverdacht gerieten, ab 1975 unter Berufsverbot gestellt wurden und dem Land in Scharen den Rücken kehrten. Gepflegt wurde das Erbe jener angloamerikanisch geprägten Ära durch die neue Kulturpolitik kaum, sondern bewusst dem Vergessen preisgegeben.
Saigon Soul Revival bemächtigen sich der Spielweisen von damals wie eine Band von damals, die nach wie vor aktiv ist. Das Quintett um Sängerin Nguyên Anh Minh adaptiert stilfremden Reggae, HipHop oder lateinamerikanische Elemente und vertieft dabei die einheimischen Wurzeln. Jeremy Vinh Laville zupft außer seiner Gitarre eine Đàn Nguyêt und Thi Hai Phuong als Special Guest zwei verschiedene Zitherinstrumente, neben der Đàn Tranh eine Đàn Bâu.
Ihre Songtexte mussten auch schon die Altvorderen sorgsam abwägen. Wer zu tiefsten Kriegszeiten seine Friedenssehnsucht artikulieren wollte, bediente sich in der Regel metaphernreicher Beziehungsdramen wie Trinh Công Son bei "Diêm Xua", gesungen von Khánh Ly. Saigon Soul Revival verfahren ähnlich. Ihr "Thiên Đuòng Đón Anh" berichtet vom Verlust eines herzinnigst geliebten Familienvaters, "Trúc Xinh" von den Zweifeln einer attraktiven jungen Ehefrau, die spürt, wie sehr sich der Göttergatte trotz ihrer Anmut nach anderen Vertreterinnen ihres Geschlechts verzehrt, und "Tình Điên" verhandelt das moralische Dilemma eines Mannes, der einem Backfisch verfällt.
Selbst wenn sich Hörer, die der vietnamesischen Sprache mächtig sind oder sogar im Land leben, nicht zwischen den Zeilen ihren Teil denken, bleibt das Anknüpfen an eine gewisse Tradition, die bei offiziellen Stellen Argwohn und Unbehagen hervorruft, anderseits das wachsende überregionale Interesse erklären dürfte. Saigon Soul Revivals Tourkalender hält sich zumeist in Grenzen, nennt aber zuhauf Auftritte bei renommierten Festivals wie Peter Gabriels WOMAD. Die Band wirkt authentisch, ihr Sound organisch gewachsen. Saigon Soul Revival sind echt im Unterschied zum Synthetischen des V-Pop, der vietnamesischen Variante des südkoreanischen K-Pop.
Eingespielt wurde "Chôn Ta Vê" im In The Box, gemäß Eigenwerbung Vietnams erstem und einzigem Tonstudio auf Weltniveau in Ho-Chi-Minh-City, wie Saigon inzwischen heißt. Das Gastsaxophon zu "O Kìa, Em Oi" über junge Mädchen, die sich einflussreichen Männern an den Hals werfen, steuert Jazzkoryphäe Trân Manh Tuân bei. Die Covergestaltung des Albums orientiert sich an Vietnams vom Kubismus beeinflussten Grafikdesign Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts. Demnächst an den Start gehen wird ein Dokumentarfilmstreifen unter dem Titel "That Saigon Soul Sound" des Filmemachers Louis Corallo in Kooperation mit dem Cake Collective.
Bernd Gürtler/TM
Saigon Soul Revival: “Chôn Ta Vê” (Saigon Supersound; 18.6.26)
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