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Various

Hallo 22

(Amiga/Sony)

Die kochen auch bloß mit Wasser, argumentierten gestandene Ostrockmusiker gegenüber ihrem Ostpublikum, als es sich im Wendeherbst 1989 sofort und unverzüglich den Westkollegen zuwandte, die für die meisten bis dahin unerreichbar gewesen waren. Mag sein, dass da was dran ist, lautete die ebenso häufige Erwiderung. Aber das Wasser der amerikanischen, britischen und westdeutschen Kollegen ist einfach heißer! Eine grobe Fehleinschätzung, fanden Max Herre und Dexter. Zwei echte Bescheidwisser die beiden und sorgen mit ihrer Compilation "Hallo 22" für eine Neubewertung der Geschichte.

Foto: Gabriela Alatorre
Foto: Gabriela Alatorre

Bevor Max Herre Ende der Neunzigerjahre als Mitglied von Freundeskreis selbst im HipHop aktiv wird, frequentiert er zuhause in Stuttgart den Hi-Club, nur um festzustellen, dass der Discjockey James Brown und Al Green mit Künstlern des Ostberliner Schallplattenlabels Amiga, wie Manfred Krug oder Veronika Fischer, kombinieren konnte, ohne dass das Partyvolk fluchtartig den Tanzboden verlässt.

Dann Umzug nach Berlin, dort intensives Stöbern auf Flohmärkten nach Scheiben aus dem Amiga-Repertoire, besonders wenn Günther Fischer als Mitwirkender vermerkt wird, ist sein Interesse geweckt. Für sein erstes, nach ihm selbst benanntes Soloalbum, covert Max Herre Citys "Der King vom Prenzlauer Berg". Sein Album "Athen" von 2019 enthält in "Nachts" Referenzen an den gleichnamigen Song von Panta Rhei.

Angeregt durch seine Eltern, die sich gern mal Manfred Krug auf den heimischen Plattenteller legen, entwickelt Dexter eine ähnliche Ostbegeisterung. Der gebürtige Ulmer, Produzent unter anderem von Casper und Cro, würde sogar behaupten, dass der Osten "den Soul, Funk und Jazz der Amis" eigenständiger als die Westdeutschen zu adaptieren imstande war.

Eine mögliche Erklärung könnte sein, dass Ostdeutsche, bevor sie hauptberuflich Populärmusik ausüben durften, eine Musikhochschulausbildung zu absolvieren hatten, die auf ein profundes Jazzfundament aufbaute. Der Soul eines James Brown oder Al Green war eher von randständiger Bedeutung, stilprägend vielmehr Jazzrockformationen wie Chicago oder Blood Sweat & Tears, zumindest in der ersten Hälfte der Siebzigerjahre.

Wie es sich tatsächlich zugetragen hat, wird die Musikwissenschaft klären müssen. Erfreulich vorerst natürlich, dass Manfred Krugs "Wenn es draußen grün wird", Veronika Fischers "Schönhauser" oder Panta Rheis "Aus und vorbei" zwar unter einem reichlich abgegriffenen Albumtitel wiederkehren; "Hallo" hieß eine Compilation-Reihe von Amiga, zusammengestellt aus eigenen Aufnahmen und Einspielungen des DDR-Hörfunks.

Der Impuls aber einer, der bemüht ist, den Gedanken zu streuen, dass sie im Osten durchaus etwas von Wasserzubereitung verstanden. Die Songtexte freilich dürften dem Westen weiterhin unverständlich bleiben. Welchen ideologischen Sprengstoff beispielsweise Lifts "Wenn" enthält, erschließt sich nur denen, die zum ursprünglichen Veröffentlichungszeitpunkt 1973 in der DDR jung waren. Oder jemandem der bereit ist, sich in den historischen Kontext hineinzudenken.
BG/TM

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