Bei einem Tinnitus raten für Hals, Nase und Ohren zuständige Fachärzte zum Anhören ausgezeichneter Geräusche aus der Natur, um sich abzulenken vom lästigen Pfeifen im Gehörgang. Wie eine Ewigkeit wirkende fünf Minuten ertönen zu Beginn von "Part One" der zweigeteilten Komposition Froschquaken und Vogelgezwitscher aus der Nachbarschaft von Irmin Schmidts Wahlwohnsitz im ländlichen Südfrankreich, um vom überbordenden Musikschrott des Alltags abzulenken.
Danach setzen elektronische Schleifgeräusche ein, die übergehen in ein sich bis zum Exzess steigerndes Maschinenstampfen. Ob das den Moment in der Menschheitsgeschichte markiert, als der rücksichtslose Raubbau an den natürlichen Ressourcen des Erdtrabanten unumkehrbar wurde? Nach einem Geräusch, das wirkt, als sei am präparierten Klavier eine Saite gerissen, übernimmt bezeichnenderweise wieder die Natur. Den Hauptanteil der Klangkulisse von "Part Two" bilden Regengeräusche.
Ganz neu ist die Idee nicht, das Titelstück zu Irmin Schmidts Vorgängersoloalbum "Nocturne", ein Konzertmitschnitt 2019 vom Huddersfield Contemporary Music Festival, war ähnlich konzipiert. Denkbar, dass die Klavierfragmente aus beiden Teilen des "Requiems" dort herstammen. Holger Czukay, Jackie Liebezeit und Michael Karoli, die anderen drei Kernmitglieder von Can, sind längst von uns gegangen. Irmin Schmidts Soloschaffen darf als würdige Fortsetzung des Band-Oeuvres gelten. Zum Nebenherhören taugt sein "Requiem" sicherlich nicht, ist aber unfassbar beeindruckend, beeindruckender noch als "Gormenghast", seine Oper nach der gleichnamigen Fantasy-Romantrilogie des Briten Mervyn Peake.
Bernd Gürtler/TM
Irmin Schmidt
"Requium"
(Mute; 24.4.26)
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