|   Rezension

Van Morrison

Three Chords & The Truth

(Exile/Caroline)

Stets wiedererkennbar und doch nie ein und derselbe. Sicherlich trifft es zu, dass Van Morrison zurückkehrt zum Celtic Soul früher Albumklassiker wie "Hard Nose The Highway", "Moondance" oder "Astral Weeks"; bezeichnenderweise erneut mit an Bord Gitarrenvirtuose Jay Berliner, zuständig für die Verfeinerung des Kammerjazzcharakters von "Astral Weeks". Aber ist "Three Chords & The Truth" deshalb ein billiger Abklatsch? Nicht im Geringsten! Mehr oder weniger erwartbar angesichts des Albumtitels, riskiert der irische Grantler wie selten zuvor eine Auseinandersetzung mit der Welt, die ihn umgibt, heute, hier und jetzt.

Eine Erinnerungsbewältigung wie seinerzeit durch "Cyprus Avenue" oder "Madame George" findet hier höchstens punktuell mit "In Search Of Grace" statt, wobei die Songprotagonistin durchaus die heimliche Jugendschwärmerei aus "Cyprus Avenue" sein könnte. Auch keine spirituelle Reise "Into The Mystic" diesmal. Stattdessen ein Anknüpfen an "The Great Deception" oder "Educating Archie", seine Abrechnung mit dem schnöden Ausverkauf der idealistischen Sixties beziehungsweise den unerwartet zornigen Gesellschaftskommentar von 2012.

Diesen Faden greift Van Morrison auf und spinnt ihn mit "Three Chords & The Truth" gekonnt weiter. Der Eröffnungssong "March Winds In February" legt die Vermutung nahe, dass es um den Klimawandel geht. Geht es aber nicht, der Song verarbeitet Eindrücke eines Abstechers an die Côte d'Azur. "Fame Will Eat The Soul" bedauert die Berühmtheiten, deren einziger Lebenszweck darin besteht berühmt zu sein. "Dark Night Of The Soul" lässt ein Licht am Ende des Tunnels aufleuchten.

Nach besagtem "In Search Of Grace" geht es richtig zur Sache, plötzlich wendet sich das Blatt von privaten Befindlichkeiten ins Politische. "Nobody in charge/Take the carpet, take the TV/No policeman at large/There’s nobody in charge/Politicians that waffle endlessly/People just don’t want to see/Getting’ paid too much for screwin’ up/Don’t you think everyone’s had enough?/And speculation across the nation/Media implantation rules the day/Brainwash is easy, if everybody’s lazy/Everything always looks so grey", heißt es in "Nobody In Charge". Ganz klar, der unsägliche Brexit-Schlamassel und die Gefahren für eine funktionierende Demokratie sind gemeint.

Und das sollte es längst nicht gewesen sein. "You Don't Understand", sinnigerweise gebaut um das Riff aus Bob Dylans "Ballad Of A Thin Man", ließe sich in bester Bluestradition als Abgesang auf eine unschöne Paarbeziehung lesen, würde es zum Ende nicht heißen, "Trying to see through the celtic mist/Does freedom of speech exist/What free state is this/You don't understand/How they work in the dark/You don't understand/What it's like to be a mark/You don't understand how bad it is, I was taken in/You don't understand how mad, bad and dangerous people can be". Das anschließende "Read Between The Lines" versteht sich als Anleitung zum Umgang mit Fake News und dem tagtäglichen medialen Informationsoverkill. Ob die Liebe tatsächlich das universelle Therapeutikum für jede Gelegenheit ist, fragt "Does Love Conquer All?" und stellt die These des "All You Need Is Love" der Beatles gründlich auf den Kopf. Aber die Welt ist voller Wunder, die demjenigen freilich verborgen bleiben, der ständig auf das ganz große Ding hofft, ermahnt dann noch "If We Wait For Mountains". Mit "Days Gone By" beschließt das Album versöhnlich.

Ach so, der Albumtitel, richtig. Obwohl der Titelsong Großbritanniens Skiffelpionier Lonnie Donegan erwähnt, dürfte sich ein Kenner der angloamerikanischen Populärmusikgeschichte wie Van Morrison auf Harlan Howard beziehen. Darum gebeten, das Wesen der Country Music zu beschreiben, gab die Songschreiberkoryphäe zurück, Country, dass seien drei Akkorde und nichts als die Wahrheit.
Bernd Gürtler/TM

Musik/Video
"March Winds In February"
"Dark Night Of The Soul"
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