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Stereo Total: Geniale Dilettanten

Kunst kommt auch von Nichtkönnen, entschieden westdeutsche Kunstrebellen unter dem Eindruck des Punkrock, der Mitte der siebziger Jahre aus London und New York herübergeschwappt ist. Angehende Maler, Grafiker oder Designer, teils in akademischer Ausbildung an einschlägigen Hochschulen des Landes, griffen plötzlich zum Musikinstrument. Richtig spielen konnten die wenigsten, jedenfalls nicht im herkömmlichen Sinne. Sogar bei der Rechtschreibung haperte es.

Foto: Paul Cabine
Foto: Paul Cabine
Foto: Paul Cabine

Auf dem Flyer zu "Die große Untergangsshow" 1981 im Westberliner Tempodrom, einer sozusagen ersten Leistungsschau der Genialen Dilettanten, wie sie sich selbst bezeichneten, war 'Dilettanten' mit Doppel-L geschrieben und nicht mit Doppel-T, wie es korrekt gewesen wäre. Dass der Schreibfehler Jahrzehnte später in einen Buchtitel übernommen wurde, sei der Beleg, dass geniale Dilettanten im Unterschied zum Profi nicht nur zu ihren Fehlern stehen, sondern sie als tatsächlich existierende Realität akzeptieren und ganz bewusst einbeziehen, erläuterte in der Rückschau Wolfgang Müller, der Urheber des legendären orthographischen Patzers. Mit seiner Formation die Tödliche Doris gehörte er zu den prominentesten Vertretern der Genialen Dilettanten, neben Einstürzende Neubauten oder Der Plan aus Düsseldorf.

Françoise Cactus, Sängerin bei Stereo Total, konnte die Etablierungsphase des neuen Genres aus nächster Nähe miterleben. 1985 aus dem französischen Villeneuve-l’Archevêque nach Westberlin gezogen, ist sie in den einschlägigen Zirkeln unterwegs. Ihre eigene Band, die Lolitas, versucht sich zwar an Garagenrock mit Songtexten in französischer Sprache. Aber "wir konnten nix. Ich spielte Schlagzeug und sang, einfach was mir einfiel, einen richtigen Text hatte ich nicht. Am Schlagzeug konnte ich Arme und Beine nicht auseinanderhalten. Das war unser erster Auftritt, nach drei Proben. Alles war erlaubt, man musste es nur machen."

Brezel Göring, ihr Partner auf der Bühne wie im Leben, beobachtete die Westberliner Umtriebe damals noch aus respektvoller Entfernung von Kassel aus, ist aber ebenso begeistert gewesen. "Für mich war das etwas total Einschneidendes, eine kulturelle Stunde null. Wobei ich sagen muss, dass ich das anfangs komplett missverstanden hatte. Ich sah das gar nicht als Kunst, eher als Handlungsanweisung, als Strategie, wie man Sachen hinkriegt. Ein Akt der Selbstermächtigung, ich kann alles, ich kann Musik machen, Filme machen, Bücher schreiben. Gerade Einstürzende Neubauten, dass die sich mit Architektur beschäftigten, Schrott vom Schrottplatz als Musikinstrumente benutzten, das fand ich toll. Als ich sie dann das erste Mal selbst erlebt habe, bohrten sie ein Loch in ein zweihundert Jahre altes Gebäude. Ein Sakrileg natürlich, aber ein Gedanke, den ich richtig fand, das Alte anzubohren."

Obwohl sie eindeutig songorientiert arbeiten, stehen Stereo Total noch heute in der Tradition der Genialen Dilettanten. "Einfach", der Eröffnungssong zum jüngsten Album "Ah! Quel Cinema!" (Tapete), veröffentlicht im Sommer 2019, wirkt wie hingezaubert mit Hilfe einer ganz besonders raffinierten, hoch modernen Musiksoftware? Falsch, auf einem uralten Computer aus den Neunzigern hat er das Stück zusammengesetzt, verrät Brezel Göring. Neulich hätte er ein Hörspiel für den Rundfunk auf dem Gerät geschnitten. Die Techniker beim Sender seien begeistert gewesen, wie er diesen dreckigen Sound hinbekommen hat.

Oder das, was am Ende von "Keine Musik" wie ein ausgebufftes Sample klingt? Das ist ihrem Aufnahmeequipment geschuldet, einem reichlich betagten 8-Spur-Kassettenrecorder. Die Kassette für die Aufnahme stammte vom Flohmarkt und war bespielt. "Als unser Song zu Ende war, kam ein Song, der sich auf der Kassette befand. Keine Ahnung, was das ist. Da unser 8-Spur-Recorder mit doppelter Geschwindigkeit läuft, hört man das schneller. Wir haben es einfach dran gelassen." Ihr Equipment sei nicht besonders modern, ergänzt Françoise Cactus. "Wir haben ein sehr altes Mischpult, bei den Songeinspielungen muss Brezel alles live mischen."

Aber so wunderbar naiv ihre Songs auch wirken mögen, sie verhandeln schwerwiegende Themen, zumindest diesmal auf " Ah! Quel Cinema!". Es geht um Depressionen, häusliche Gewalt, um Geldsäcke, die in Westberliner Szenevierteln Immobilien aufkaufen und luxussanieren, und die Altmieter können sehen, wo sie bleiben. Wer sich beim Schlusssong "Elektroschocktherapie" an das traurige Jugendschicksal eines gewissen Lou Reed erinnert fühlt, liegt haargenau richtig. Bei Françoise und Brezel in der Schublade ein Theaterstück über den 2013 verstorbenen Velvet-Underground-Mitbegründer. Lou Reed, so viel immerhin ist schon zu erfahren, gab "1977/78 ein Konzert in Offenbach, das er nach ein paar Minuten abgebrochen hat. Weil es Streit gab mit jemandem im Publikum. Dann hat er hinter der Bühne randaliert und verbrachte deshalb eine Nacht im Gefängnis. Wir verdichten sein gesamtes turbulentes Leben in dieser einen Nacht."
Bernd Gürtler SAX 10/19

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"Hass-Satellit"
"Cinémascope"

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