|   Rezension

Mogwai

As The Love Continues

(PIAS)

Ob die schattenhafte Kreatur auf dem Frontcover ein Abbild dessen ist, was sie sich vorstellten, als sie sich bei Bandgründung 1995 im schottischen Glasgow nach einem boshaften Fabelwesen aus der chinesischen Mythologie benannten? Genauso gut könnte man fragen, weshalb der britische Comedian Robin Ince die Bandbiographie zum aktuellen Pressematerial verfasst. Eine schlüssige Antwort gibt es weder auf das eine noch das andere. Die Suche nach dem tieferen Sinn generell zwecklos bei Mogwai. Umso verblüffender, wie ambitioniert die musikalische Ausformung ihrer notorischen Unambitioniertheit geschieht.

Die Titelzeile des eröffnenden "To The Bin My Friend, Tonight We Vacate Earth" wird eingangs von einer männlichen Stimme rezitiert und lässt sich mühelos als Anspielung auf die Coronapandemie deuten, ist letztlich aber doch nur eine Traumsentenz, die Benjamin John Power von den befreundeten Blanck Mass zur Verfügung stellte. "We are just a bunch of boys playing music in a room. We never talk about meaning", werden Mogwai treffend im Pressematerial zitiert. Lobenswert ihre Denkart in Zeiten, da soziale Medien noch den hässlichsten Geistesfurz megaphonmäßig in die Welt pusten.

Kurioserweise dürfte ausgerechnet "As The Love Continues" breitere Hörerschichten erschließen, schlicht wegen der ungemein facettenreichen Arrangements. Eine Freude zuzuhören, wie sich Gitarren mit charmanten Pianomelodien, Gitarren mit massiven Bassläufen, Gitarren mit dröhnenden Moog Synthesizern oder elektronischem Schlagzeugmaschinengeklapper verweben. Das ausnahmsweise durchgehend gesungene "Ritchie Sacramento" sowie "Ceiling Granny", eine grungerockig wuchtige Gewitterböe, unterbrechen die weniger an Pink Floyd erinnernde als beim Endloscharakter von Kraftwerks "Autobahn" oder Neus! "Hallogallo" abgelauschte epische Opulenz. Beide Stücke liefern ungewöhnlich auskopplungsfähiges, fast songhaftes Singlesmaterial.

Ursprünglich angedacht war, dass "As The Love Continues" in den USA entsteht, was wegen Corona leider ausfallen musste. Stattdessen wurde ein Studio im mittelenglischen Worcestershire angemietet, und der amerikanische Produzent Dave Fridmann beaufsichtigte die Einspielung als überseeischer Central Scrutinizer via Zoom. Bereits vor Corona eine im Populärmusikbereich inzwischen häufiger angewandte Praxis. Vielleicht sollten bundesdeutsche Schulbehörden um einen Beratungstermin ersuchen, um endlich reibungsloses Homeschooling flächendeckend hinzukriegen?
Bernd Gürtler/TM

Video/Musik
"Ritchie Sacramento"
"Dry Fantasy"
"Ceiling Granny"