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Manchmal fast schon ein Song: Achim Reichel über seine Autobiographie "Ich habe das Paradies gesehen"

Mit den Rattles ein westdeutscher Beatpionier der ersten Stunde gewesen. Mit AR & Machines psychedelischen Krautrock in die Welt gezaubert. Bevor eigene Songs in deutscher Sprache entstanden, ermutigt durch Dichterschriftsteller Jörg Fauser, werden Shantys und Literaturklassiker von Goethe oder Fontane verrockt. Gar keine Frage, Achim Reichel zählt zu den vielseitigsten einheimischen Rockmusikern alter Schule. Jetzt ist der Sechsundsiebzigjährige sogar unter die Buchautoren gegangen und veröffentlicht mit "Ich habe das Paradies gesehen" (Rowohlt) seine Autobiographie.

Foto: Jide Tom Akinleminu
Foto: Jide Tom Akinleminu

Kompakt zusammengefasst auf den knapp vierhundert Buchseiten, biographische Details und Einblicke ins kreative Schaffen. Zwischen den Zeilen schwingt etwas von dem mit, das den Menschen hinter der öffentlichen Person ausmacht. Eine wirklich lohnende Lektüre! Anlässlich der Buchpremiere Mitte September 2020 stand Achim Reichel für telefonische Interviewtermine zur Verfügung.

Bemerkenswert an "Ich habe das Paradies gesehen" ist unbedingt auch das, was du schreibst, mindestens genauso aber wie du schreibst. Deine unaufgeregte, uneitle Art ohne irgendeinen Schnickschnack.
Das freut mich, dass das mal einer merkt. Nein, aber manchmal ist bei mir eine Formulierlaune aufgekommen, dass ich dachte, Junge, das ist fast schon ein Song.

Würdest du sagen, dass aus deinem Schreibstil du selbst sprichst?
Kann sein, ich bin immer bemüht gewesen, die Bodenhaftung nicht zu verlieren. Ich habe auch nie vergessen, wo ich herkomme. Alles andere wäre viel zu anstrengend. Eine Rolle, ein Image zu pflegen, das wäre unreif, denke ich.

Wir Menschen sind nicht unwesentlich durch die Erziehung des Elternhauses geprägt, heißt es jedenfalls.
Weiß nicht, ich bin ohne Vater aufgewachsen, und meine Mutter hatte arg zu kämpfen uns über Wasser zu halten. Prägender ist die Zeit mit den Rattles gewesen. Noch unreif und grün hinter den Ohren, wurde ich plötzlich von den Medien zur Kenntnis genommen. Damals gab es eine kurze Phase, da sagte man mir nach, ich sei ein arroganter Hund geworden. Dabei war das nichts weiter als ein Schutzmechanismus, weil ich nicht wusste, wie ich mit meiner unverhofften Popularität umgehen sollte. Durch sowas muss man durch, um bei sich selbst anzukommen.

Dein Vater ist früh verstorben, und deine Mutter versuchte mit Untervermietungen das schmale Haushaltsbudget aufzubessern. Manchmal sind Vertreter der Kleinkunst bei euch eingezogen. Wann bist du dir bewusst geworden, dass du selbst im Rampenlicht stehen möchtest.
Eigentlich erst mit dem Aufkommen des Rock'n'Roll der fünfziger Jahre. Das war das erste Mal, dass mich Musik zutiefst berührt hat. Zu einem Zeitpunkt, als es hierzulande nichts anderes gab als Schlager, ein komisches Heileweltgetue. Der Rhythmus, der Gesang, der im Rock'n'Roll gepflegt wurde, entsprach eher einem pubertierenden Teenager als Zuckerpuppe und Bauchtanztruppe. Als nächstes meine erste Gitarre, und ich entdeckte, dass man für neunzig Prozent aller Rocksongs im Grunde nur drei Akkorde braucht. Von da an kam eins zum andern. In der Rückschau scheint mir, dass ich vom Leben geführt wurde.

Eben, genau den Eindruck vermittelt deine Autobiographie, dass deine Karriere selten von dir selbst verbissen vorangetrieben worden ist, sondern du jedes Mal Gelegenheiten ergriffen hast. Mit den Rattles Anfang der sechziger Jahre in einem Tourpaket mit Little Richard und den Rolling Stones Großbritannien zu bereisen, das war nicht deine Idee. Der Vorschlag kam von außen.
Stimmt, und oft dachte ich beim Schreiben, alter Schwede, was dir alles passiert ist!

Es scheint aber eben auch, dass du meistenteils deiner eigenen Nase gefolgt bist. Nach den Rattles und der Beatära mit AR & Machines zum psychedelischen Krautrock zu wechseln, von dort aus Shantys wie "Rolling Home" oder Goethes "Der Zauberlehrling" und Fontanes "Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland" mit Rockriffs zu verknüpfen, das lässt nicht unbedingt auf eine wohlüberlegte, massenkompatible Marktstrategie schließen.
Richtig, aber ich bin von einer Medienlandschaft umstellt, die einem erst Beachtung schenkt, wenn man einen Hit hat. In meinem Buch erwähne ich, wie der Chefredakteur einer Radiostation zu mir sagte, Achim, mach' deinen Hit woanders, und wenn du ihn hast, spielen wir den. Von daher achte ich sehr darauf, Dinge zu tun, die mir Spaß bringen. Wo ich denke, wenn's gut läuft, haste Glück gehabt. Wenn nicht, machste eben was anderes.

Jörg Fauser, dein Mentor in Sachen Songtextschreiben, kam 1987 bei einem Autounfall ums Leben. Die genaueren Umstände wurden nie geklärt. Weißt du inzwischen mehr?
Nein, andere Informationen als die, die offiziell zugänglich sind, habe ich auch nicht.

Was spätestens seit den Shantys in deinen Songs anklingt und jetzt durch deine Autobiographie ausführlich Bestätigung findet, ist, dass du der Spross einer norddeutschen Seefahrerfamilie bist, aufgewachsen im Hamburger Stadtteil St. Pauli.
Das wurde mir offenbar im Erbmaterial mitgegeben. Aber ich bin froh, dass ich das in meinen Songs auslebe, nicht selbst zur See gefahren bin. Schulkumpels, die ich später wiedertraf, sind meist Alkoholiker gewesen. Die erzählten, wie öde das ist, wochenlang auf dem Wasser zur Untätigkeit gezwungen. Gut, dass mir das erspart geblieben ist.

Wenig überraschend so gesehen auch, dass einer deiner auflagenstärksten Hitsongs, "Aloha Heja Hey", eine fiktive Seemannsgeschichte erzählt. Deine Autobiographie ist nach einer Textzeile aus dem Song benannt. Und dein Publikum hat dazu eine kuriose Kollektivchoreographie entwickelt. Wenn der Song auch bloß bei Gartenpartys von Konserve läuft, sitzen die Leute auf dem Fußboden und tun bei der entsprechenden Textpassage so als würden sie gemeinsam Rudern. Im Internet finden sich Videoclips.
Wirklich verrückt, aber wenn ein Song zu so einer Idee anzuregen vermag, so dass der Song nicht totzukriegen ist, das ist schon etwas Besonderes. "Aloha Heja Hey" läuft seit dreißig Jahren rauf und runter.

Das maritime Element ist auch eine Facette, die dich unverwechselbar macht im kulturellen Einerlei einer globalisierten Welt.
Naja, man kann eben nur sein was man ist.

Und um die Ruhe zu finden, dein unglaubliches Leben aufschreiben zu können, musstest du eine Schiffspassage buchen, auf einem Containerfrachter nach Namibia?
Ja, da konnte ich nicht weglaufen vom Schreibtisch, niemand konnte mich erreichen. Auch nicht übers Mobiltelefon, die letzte Verbindung bestand, als wir an den Kanarischen Inseln vorbeifuhren. Danach war nix mehr, drei Wochen lang. Das eine oder andere Mal stand ich an der Reling, schaute aufs offene Meer, ringsum nur Horizont und musste an meinen Vater, meinen Großvater, meinen Onkel denken. Ich dachte, ach guck, so muss das für die gewesen sein.
Bernd Gürtler SAX 1/21

Video/Musik
"Aloha Heja He"