|   Rezension

Sufjan Stevens

The Ascension

(Asthmatic Kitty/Cargo)

Übersetzt bedeutet der Albumtitel so viel wie Christie Himmelfahrt. Ein Zufall? Mitnichten! Weltanschauliche Orientierung bezieht Sufjan Stevens unter anderem aus dem Christentum, vorzugsweise der orthodoxen Glaubensvariante. Obschon Vokabular und Wertvorstellungen der konfessionellen Zugehörigkeit in seine Songs einfließen, versteht sich der Fünfundvierzigjährige auf gar keinen Fall als Verkünder irgendeiner frohen Botschaft. Religiöser Eifer ist ihm fremd, und doch entfesselt es einen heiligen Zorn, wenn er an sein Amerika denken muss in der Nacht. "The Ascension" dient dem Furor als Ventil.

Die Vereinigten Staaten sind überhaupt das Thema des gebürtigen Amerikaners, seit er sich 2003/2005 mit "Michigan" beziehungsweise "Illinois" auf die Landkarte der zeitgenössischen Populärmusik setzen konnte. Beide Alben, das eine mehr, das andere weniger opulent arrangiert, zeichnen postkartenhafte Porträts der jeweiligen Bundesstaaten, erzählen kurzweilig vom Niedergang der Schwerindustrie im nordamerikanischen Rust Belt, dem Völkermord an den Ureinwohnern, Abraham Lincolns Witwe, mysteriösen Ufo-Sichtungen, Superman oder Serienkiller John Wayne Gacy.

Zwischendrin erschien "Seven Swans", eine ausführlichere Beschäftigung mit Glaubensangelegenheiten. Das nachfolgende "The Age Of Adz" bezog seine Inspiration aus den verstörenden Düstervisionen des Folkartkünstlers und selbsternannten Propheten Royal Robertson. Wiederum danach ein beherztes Abtauchen in die eigene, wenig erfreuliche Kindheit und Jugend. Aus heutiger Sicht wirkt "Carrie & Lowell" wie eine notwendige Selbstvergewisserung, um zu bewältigen, was auf "The Ascension" zur Sprache kommt.

Konsequent beschreiben die Songs eine beunruhigende Wirklichkeit, beklagen, dass Likes und Klicks auf Social Media Accounts zum Gradmesser des individuellen Selbstwertempfindens geworden sind; "Video Game" handelt davon und lässt im begleitenden Videoclip ulkigerweise TikTok-Tanzstarlet Jalaiah Harmon auftreten. "Sugar", wird Sufjan Stevens im Presseinfo des Schallplattenlabels zitiert, soll ins Bewusstsein rufen, dass es an der Zeit ist "to gather what is good and pure and valuable and make it your own, and share it with others". Das bereits 2014 verfasste "America", entwirft ein aus Bibelzitaten und brennenden Grundsatzfragen gespeistes, apokalyptisches Endzeitszenario. Den amtierenden US-Präsidenten, der mit Fake News, kruden Verschwörungstheorien und Hasskommentaren bewusst Zwietracht säht, nennt Sufjan Stevens bei Interviewterminen nur noch Donald Duck. Wie umgehen mit der Situation? "We need to die and be born again", empfahl der Künstler gegenüber dem britischen Mojo Magazine.

"The Ascension" ist das Album zum aktuellen Stand der Dinge. Seine Inhalte bilden den denkbar schärfsten Kontrast zum betörenden Elektropopgewand, stehen fundamental im Widerspruch zur symmetrischen Harmonie des Albumfrontcovers, das nicht von ungefähr an die farbigen Bleiglasfenster moderner Kircheneinrichtungen erinnern dürfte.
BG/TM

Video/Musik
"Video Game"
"Sugar"
"America"