|   Rezension

The Flaming Lips

American Head

(PIAS)

Wer mit Arnold Layne des Nachts um die Vorstadthäuser zieht und Damenunterwäsche von der Moonshine Washing Line stibitzt oder in Begleitung von Lucifer Sam, Mathilda Mother und der Vogelscheuche dem Piper At The Gates Of Dawn begegnet, wird unweigerlich ein Album wie dieses abliefern. A Saucerful Of Secrets, ein psychedelisches Füllhorn, tief verwurzelt im Englischen. Dabei wollten sich die Flaming Lips unbedingt als American Band ausprobieren. Bloß um zu erreichen, dass die musikalische Vielfalt von "American Head" inhaltlich mit einer ausgeprägten Ernsthaftigkeit korrespondiert.

Schuld ist, verrät Bandmastermind Wayne Coyne im selbstverfassten Presseinfo, Tom Petty. Oder besser "Running Down A Dream", ein Dokumentarfilm, der den 2017 überraschend verstorbenen Musikerkollegen zum Gegenstand hatte. Dort verhandelt das Konzept der American Band, wobei die Frage aufkam, was das eigentlich bedeuten soll. Obwohl gebürtiger Amerikaner wie Tom Petty, hätte Wayne Coyne seine Flaming Lips nie als ausdrücklich amerikanisch betrachtet. Der Idee nachzugehen, erschien allerdings insofern sinnvoll, als dass sich auf Umwegen für die eigene Band ein frischer kreativer Zugang erreichen ließ.

Darüber hinaus hängenbleiben sollte beim erneuten Anschauen von "Running Down A Dream" ein bislang stets übersehenes Detail. Nämlich dass Tom Petty und seine Heartbreakers, bevor sie von Los Angeles aus durchstarteten, in Tulsa, Oklahoma für einen Aufwärmgig Station machten, schlappe einhundert Meilen südwestlich von Wayne Coynes Heimatstadt Oklahoma City. Wäre es denkbar, dass seine beiden älteren Brüder und deren Bikergang Tom Pettys Drogennachschub sicherstellten?

"American Head" verarbeitet solche Familiengeschichten, versteht sich jedoch an keiner Stelle als Lobgesang auf bewusstseinserweiternde Substanzen. Wohl weil Wayne Coyne das zweite Mal geheiratet hat, Vater eines Sohnes geworden ist und die Corona-Einschränkungen viel Zeit zum Nachdenken über den wahren Sinn des Lebens lassen. Das finale "My Religion Is You" geht zurück auf eine Kindheitserinnerung. Wayne Coyne fragte seine Mutter, wozu Religion gut sei. Ihre Antwort, Kindern zum Trost, die keine Mutter haben. Dann sei seine Mutter seine Religion, habe Wayne Coyne naseweis geantwortet.
Bernd Gürtler/TM

Video/Musik
"Will You Return/When You Come Down"
"Watching The Lightbugs Glow"
"My Religion Is You"