|   Rezension

The Jayhawks

XOXO

(Thirty Tigers/Membran)

Das offenbar aus einem Sechzigerjahrekatalog für portable Schallplattenspieler abgemalte Frontcover bedeutet etwas. Die junge Dame, vertieft in ihre Vinylscheiben, verkörpert eine Epoche notorischer Gruppenbildung. Wichtigster Impulsgeber sind die Beatles gewesen, vier Liverpooler Vorstadtjungs, die, obwohl verschieden vom Charakter her, den Alltag wenigstens zeitweise gemeinsam als Gleichberechtigte bewältigen wollten. Schmerzlich vermisst dieses Element in unserer weitgehend entsolidarisierten Selfiegesellschaft der Gegenwart, von den Jayhawks hier aber mit Vehemenz beschworen.

"The Jayhawks are a true band, one where everyone's equal, and we wanted to make a record that really reflects that", zitiert das Presseinfo des Schallplattenlabels Bandchef Gary Louris. Entstanden, lässt er ausrichten, sei "XOXO" unter Einbeziehung eines jeden der fünf Bandmitglieder sowohl als Sänger als auch Songschreiber. Sinnigerweise bedeutet der Albumtitel im Netzjargon als Schlussformel unter E-Mails gesetzt so viel wie "kisses and hugs".

Gegründet wurden die Jayhaws 1985 in Minneapolis, Minnesota ursprünglich von Mark Olson. Der seiner Wege ging, zurückgekehrt ist, nur um erneut die Selbständigkeit zu suchen, motiviert jeweils von einem dringenden Bedürfnis nach Selbstfindung. Während Gary Louris, von Mark Olson dereinst eigenhändig rekrutiert und inzwischen neben Marc Perlman einziges verbliebenes Urmitglied, sich eher als Jäger verlorener Ohrwurmschätze versteht. Bei "XOXO" wieder weniger modernistisch, weniger samplegetrieben als es auf "Paging Mr. Proust" und in Passagen von "Smile" sowie "Back Roads And Abandoned Motels" der Fall war. Beibehalten aber eben die Grundorientierung. Einfach "Little Victories" anhören und man weiß Bescheid. Fast dass der Eindruck entsteht, die Fab Four müssten jeden Moment um die Ecke biegen!

Kaum noch nachvollziehbar inzwischen, weshalb die Jayhawks in der Vergangenheit als Wegbereiter des Alternative Country galten. Bei Interviewterminen jüngeren Datums lässt Gary Louris keine Gelegenheit aus zu betonen, dass er und die seinen mit Country nix am Hut haben. Spätsommerlicher Nachbarschaftsrock wäre eventuell eine naheliegende Stilbezeichnung.
Bernd Gürtler/TM

Video/Musik
"This Forgotten Town"
"Dogtown Days"
"Little Victories"

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