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Will Oldham: Das Orakel spricht, freilich nicht mit jedem

Immerhin, es gibt ein Generic Interview, etwas, worauf Schallplattenfirmen zurückgreifen, wenn Interviewanfragen zu einem ihrer Künstler die Möglichkeiten übersteigen. Bei Will Oldham wäre es diesmal schon deshalb zu Engpässen gekommen, weil seine jüngsten beiden Alben hervorragend gelungen sind!

Foto: Christian Hansen
Foto: Christian Hansen
Foto: Christian Hansen

Warum? Warum ist die Banane krumm? Diese ewige Fragerei nach dem Warum! Nervig sei das bei Interviewterminen, um die Musik gehe es überhaupt nicht, beklagt Will Oldham 2002 gegenüber der britischen Sonntagszeitung The Observer. Und gibt fortan fast gar keine Interviews mehr. Gut anderthalb Jahrzehnte später ist eine Reihe von Albumveröffentlichungen aufgelaufen, die darauf schließen lässt, dass es zwischenzeitlich kreative Unpässlichkeiten gegeben haben muss. Bei What The Brothers Sang, im Duo mit Gastvokalistin Dawn McCarthy und Songs aus dem Repertoire der Everly Brothers, ergänzt sich der Gesang nur mäßig. Ein passables Duett will geübt sein, bedarf aber eben auch geeigneter stimmlicher Voraussetzungen. Best Troubadour, ein weiteres Coveralbum, diesmal mit Songs von Country-Koryphäe Merle Haggard, kann dem Originalmaterial keine einzige, bislang verborgen gebliebene Facette abringen. Sings Greatest Palace Music und Songs Of Love And Horror enthalten Neueinspielungen eigener Songs. Singer’s Grave A Sea Of Tongues ist fast eine Komplettneueinspielung seins drei Jahre älteren Vorgängeralbums Wolfroy Goes To Town. Wieder zum Besseren wendet sich das Blatt dank einer günstigen Fügung, die Substanzielleres hervorbringt als bloß ein weiteres Künstlerpseudonym.

Mit größter Begeisterung betreibt Will Oldham, geboren 1970 in Louisville, Kentucky, ein kurioses Rollenspiel. Er selbst nennt das „sein eigenes Publikum sein“. Aber egal ob als Palace Music, Palace Brothers, Little Willy Bulgakov oder wie im meisten aller Fälle als Bonnie „Prince“ Billy, seinen Anknüpfungspunkt findet er bei einer Tradition, die sich in der verdienstvollen Anthology of American Folk Music von Harry Smith manifestiert. Einer Songzusammenstellung aus dem, so drückt sich Rockschreiber Greil Marcus aus, unheimlichen Amerika der Vorväter, deren verstörende Gruselgeschichten und Meuchelmordballaden nach wie vor im Unterbewusstsein der Nation herumspuken und sich schon einmal massiv Bahn brachen 1967/68 in Bob Dylans The Basement Tapes. Entweder sind seine Songs Coverversionen aus dieser Überlieferung oder er schreibt eigenes, ähnliches Material, das kaum weniger gespenstisch wirkt. Kritikerkollegen wussten sich in der Vergangenheit manchmal nicht anders als mit einem gewagten Vergleich zu helfen. Der bärtige Waldkauz Will Oldham, befand das britische Musikmagazin Mojo Mitte der Neunzigerjahre, erinnere verblüffend an den zivilisationskritischen Harvard-Professor Ted Kaczynski, der als „Unabomber“ zweifelhafte Berühmtheit erlangte. Der eine wie der andere würde aus dem amerikanischen Hinterland heraus als isolierter Einzeltäter handeln.

Nun sollte es sich ergeben, dass ein gewisser Bryce Dessner seine Wege kreuzt. Der gebürtige, in Paris lebende Amerikaner dürfte durch seine Band The National einem breiten Publikum ein Begriff sein. Verfügt aber auch über einige Erfahrung in Sachen klassische Musik, immerhin kann er auf ein Musikdiplom der Yale University verweisen. Neben Kompositionsaufträgen für das Los Angeles Philharmonic Orchestra oder das Kronos Quartet sowie Gemeinschaftsarbeiten mit Philip Glass, Steve Reich oder Sufjan Stevens ist Bryce Dessner auch Initiator des MusicNOW Festivals in Cincinnati, Ohio. Für eine Festivalperformance nahm er Songs aus dem Gesamtkatalog von Will Oldham, um sie neu zu arrangieren, und zwar nicht irgendwie, sondern als Minimal Music! Ein kleiner Schritt für die Menschheit vielleicht, ein umso bemerkenswerterer für Will Oldham, der an dem Projekt als Sänger beteiligt ist. Eine echte Erneuerung diesmal, einfach genial! Unter dem Titel When We Are Inhuman erschien der Festivalauftritt im Sommer 2019 als vinyles Doppelalbum.

Obwohl das im Herbst 2019 nachgeschobene I Made A Place eher zu konventionellen Songformen zurückkehrt, gelingt ein weiteres sensationelles Album. Das Warum ist diesmal gut erkennbar im Albumtitel untergebracht. Der Künstler hat seinen Platz gefunden, steht fest im Leben, als Ehemann und Vater inzwischen. Sind frühere Alben an Düsternis stellenweise kaum zu überbieten gewesen, regiert jetzt der reine Überschwang. Eine Geste von nahezu gesellschaftspolitischer Dimension, gibt Will Oldham in dem durch sein Schallplattenlabel in Auftrag gegebenen Generic Interview zu verstehen. Angesichts eines von Aggression, von Negativität geprägten Alltags, sagt er, galt es ein Zeichen zu setzen. „Ich weiß, dass jeder sich im tiefsten Inneren einen Rest von Optimismus, von Hoffnung bewahrt. Zeit also für ein Album, das diesen innersten Kern stärkt.“ Unschwer zu erraten, worauf das anspielt. Aber was auch immer als Nächstes folgen wird, I Made A Place kann man sich guten Gewissens zu The Letting Go, Ease Down The Road, Lie Down In The Light und einer Handvoll weiterer großartigen Bonnie-„Prince“-Billy-Alben ins Regal stellen, gleich neben Viva Last Blues und Arise Therefore von Palace Music selbstverständlich.
Bernd Gürtler Folker 2/20

Video/Musik
"At The Back of the Pit"
"In Good Faith"
"Beast For Thee"
"New Partner"
 

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