|   Rezension

Tamikrest

Tamotaït

(Glitterbeat)

Herzlich wenig weiß die breite Öffentlichkeit über das Nomadenvolk der Tuareg. Wenn, dann erreichen uns verstörende Fernsehbilder von Krieg und Vertreibung. Schwierig in der Regel die Einordnung der übrigen spärlichen Nachrichten. Tamikrest wollen das ändern. Der Band um Sänger Ousmane Ag Mossa liegt einiges daran, vom Schicksal der Tuareg zu berichten. Mit "Tamotaït" ist endlich eine elektrifizierte, gitarrengetriebene Formensprache gefunden, die einem Rockpublikum weltweit vertraut vorkommen dürfte und gleichzeitig die ethnischen Wurzeln keineswegs verleugnet. Atemberaubend dieser Balanceakt!

Schon wer sich der Mühe unterzieht, den genauen Herkunftsort der Band zu ermitteln, stößt auf reichlich widersprüchliches Quellenmaterial. Manchmal wird Kidal in Mali genannt, manchmal Tamanrasset in Algerien, dann wieder Tinzawaten, ein Flecken im Grenzgebiet zwischen Mali und Algerien. Dass der Bandname, wie im englischen oder deutschen Wikipedia angegeben, dasselbe bedeutet wie "junction, connection, knot" beziehungsweise "der Knotenpunkt, die Zukunft", darf man getrost unter Ulk verbuchen. Kultur- und Sozialanthropologin Dr. Anja Fischer von der Universität Wien, auch Betreiberin der Website imuhar.eu, stellt auf entsprechende Nachfrage per E-Mail klar, in der Sprache der Tuareg heißt Tamikrest "Bündnis/Vereinigung", für die Tuareg "ein wichtiger Begriff ähnlich wie 'Kamel'. So gibt es für Kamel über siebzig Begriffe, je nachdem ob es klein, weiß, alt, langbeinig, blauäugig ist oder ein lockiges Fell hat. Auch für ein Bündnis, eine Vereinigung gibt es mehr als ein Wort."

Seine zukünftigen Mitstreiter trifft Ousmane Ag Mossa 2006 bei einem Gitarrenworkshop an der Schule. Zwei Jahre später, am Rande eines Auftritts beim Festival Au Desert, begegnen sie Dirt Music, der Band von Chris Eckman, Chris Brokaw und Hugo Race. Über sie kommt ein Kontakt zum nordrhein-westfälischen Schallplattenlabel Glitterhouse zustande, wo 2010 das Debütalbum "Adagh" erscheint.

"Tamotaït", Langrille Nummer sechs, entstand im französischen Exil und kreist einmal mehr um den Traum der Tuareg vom eigenen Staat; zuletzt hatte eine Splittergruppe des Terrornetzwerks Al-Qaida die jahrzehntelangen, entbehrungsreichen Autonomiebestrebungen gekapert. Mit jedem Song wächst das Album über sich hinaus. Höhepunkte sind ein Gastauftritt der marokkanischen Sängerin Hindi Zahra in "Timtarin" oder wenn zwei Zufallsbekanntschaften von unterwegs, die beiden Japaner Atsushi Sakta und Oki Kano, im finalen "Tabsit" Shamisen sowie Tonkori zupfen.
Bernd Gürtler/TM

Video/Musik
"Timtarin"
"Amidinin Tad Adouniya"
"As Sastnan Hidjan"

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