|   Rezension

Irreversible Entanglements

Who Sent You?

(International Anthem)

Moor Mother ist das Künstlerpseudonym von Camae Ayewa, einer Beatpoetin und politischen Aktivistin aus Philadelphia. Zu ihren Vorbildern zählt das Art Ensemble Of Chicago. 2017 begegnet sie am Rande eines Jazzfestivals in Litauen Roscoe Mitchell, einem der letzten beiden noch lebenden Gründungsmitglieder des AEOC. Als die Freejazzpioniere zwei Jahre später mit der Albumeinspielung "We Are On The Edge" fünfzigstes Gründungsjubiläum feiern, steuert sie Songtext und Vokalperformance zum Titelstück bei. Mit den Irreversible Entanglements fand sie ihr eigenes Art Ensemble.

Jazz und Politik, für das Art Ensemble Of Chicago schloss das eine das andere nicht aus, im Gegenteil. Entsprungen war die Formation der Chicagoer Musikervereinigung Association For The Advancement Of Creative Musicians, kurz AACM. Wenig überraschend bei solchen Vorreitern, dass Moor Mother ihren späteren Mitstreiter 2015 in New York begegnet ist, anlässlich der Konzertveranstaltung Musicians Against Police Brutality, auf die Beine gestellt, nachdem der achtundzwanzigjährige Akai Gurley von einem Streifenpolizisten in Brooklyn erschossen worden war.

"Who Sent You?" ist das zweite gemeinsame Album. Wiederum verstehen es Keir Neuringer, Aquiles Navarro, Luke Stewart sowie Tcheser Holmes an Saxophon, Trompete, Bass beziehungsweise Schlagzeug hervorragend, Moore Mothers Brandreden ein komplexes Musikbett zwischen freien und strukturierten Passagen zu bereiten.

"Blues Ideology" benennt Religion als Werkzeug der Mächtigen, dem Volk den Verstand zu vernebeln. "The pope must be drunk/Stumbling through the streets, spitting out 'Hail Mary'/The pope must be drunk, eyes closed, nose in the air/Not saying nothin', not doin' nothin/Just stumbling in the street/Mumbling, mumbling, spitting/Manufacturing god in his own image/Feeding the flesh of lies to little boys", lautet eine Textpassage. Das eröffnende "The Code Noir/Amina" beschwört "Grandfather's hands, brick by brick building new America" und fragt dann an sich und die übrigen Amerikaner schwarzer Hautfarbe gerichtet, "At what point do we give a shit, do we stand up and say something?" An übernächster Stelle aufgegriffen der Gedanke in "No Más", wo es heißt “No longer will we allow them to divide and conquer, divide and oppress, define our humanity.” Stücke allesamt, befand Chicago Reader, welche "instill a desire to think, act, and live more purposefully".
Bernd Gürtler/TM

Video/Musik
"Blues Ideology"
"The Code Noir/Amina"
"No Más"

 

Neue Beiträge

Neue Rezensionen