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"Wir wollten Männermusik machen!"

Ray van Zeschau lässt die Freunde der italienischen Oper auferstehen

Das Ende der DDR ging mit einem beispiellosen Kreativitätsschub einher. Im selben Maße wie der alte Machtapparat ins Wanken geriet, entstanden Freiräume mit faszinierenden Möglichkeiten. Die Freunde der italienischen Oper sind aus eben diesem ungeheuer ergiebigen Nährboden erwachsen. Das Alleinstellungsmerkmal der 1988 in Dresden gegründeten Formation bestand in einem derben, nicht unraffiniert arrangierten, posaunengetriebenen Punkrock, auf der Konzertbühne verknüpft mit teils verstörenden Filmsequenzen.

Foto: Klaus Hessel

1989 verpflichte Theaterregisseur Wolfgang Engel die Freunde der italienischen Oper für seine "Faust"-Inszenierung am Dresdner Schauspielhaus. 1991 erscheint das Debütalbum "Um Thron und Liebe". Ungefähr zur selben Zeit wird Alfred Hilsberg, Entdecker von Einstürzende Neubauten oder Blumfeld aufmerksam. Ein zweites Album sollte entstehen, wozu es leider nicht mehr kommt. 1992 beschließt die Band ihre Auflösung. Bereits erarbeitete Demos erscheinen 1997 auf "Edle Einfalt, stille Größe", gekoppelt mit "Um Thron und Liebe" im 2CD-Boxset "Rare, seltene und rätselhafte Aufnahmen" auf Alfred Hilsbergs What's So Funny About-Label. Drei anlassgebundene Einzelneubelebungen erleben die Freunde der italienischen Oper in den Nullerjahren, jeweils auf den Weg gebracht durch Sänger Ray van Zeschau, der jetzt mit einer weiteren neuen Besetzung an den Start geht und diesmal langfristiger plant. "Via Dolorosa" (Strand 63) heißt ein neues Album, und es sind Konzerttermine gebucht.

Kann es sein, dass es die Freunde der italienischen Oper längst schon wieder gegeben hätte, wenn es nach dir gegangen wäre?
Sicher, es war sehr viel halbfertig liegengeblieben. Das wollte ich unbedingt zu Ende bringen und veröffentlichen.

Sind das deshalb auf "Via Dolorosa" mit einer Ausnahme Neueinspielungen alter Stücke von "Edle Einfalt, stille Größe"? Weil es seinerzeit bei Demoskizzen geblieben war?
Ja, und wegen meines Gesangs.

Stimmt, als Sänger bist du deutlich gewachsen.
Freut mich zu hören.

Dass die Originale räudig klingen, lag vermutlich an den Einspielbedingungen und dass es eben Punkrock war. Heute jedenfalls singst du weitaus besser.
Also ich konnte damals schon besser singen. Ich bin bloß an einer schweren Angina erkrankt gewesen bei dem Studiotermin, bei dem die Stücke entstanden. Das galt es eben zu bereinigen.

Eins der neueingespielten alten Stücke ist "Kleine Madonna". Es lässt erahnen, wie sehr du gesanglich von Opernarien beeinflusst bist.
So hatte es ja überhaupt angefangen. Dass ich, als ich am Dresdner Schauspielhaus als Leiter der Dekorationsabteilung beschäftigt war, aus Quatsch manchmal pseudoitalienische Opernarien sang und unser späterer Posaunist Rainer A. Schmidt einen Sänger zwecks Gründung einer Band suchte.

Eure Stücke sind immer ziemlich originell betitelt gewesen. Eins hieß "Dance Around The Handbag". Dummerweise ist es bis heute ein Rätsel, worum es eigentlich geht. Gesungen wurde in einem völlig unverständlichen Englisch. Waren die Songtexte mehr als Plattform für den Gesang gedacht?
Ganz zu Anfang auf jeden Fall, damals wurde kompletter Unfug gesungen. Deutsche dachten, das sei Englisch, Engländer dachten, das sei Deutsch. Ab "Um Thron und Liebe" wurden richtige Texte gesungen. Da habe ich mir etwas ausgedacht, das von jemandem, der des Englischen mächtig war, übertragen wurde. Aber mir sind Texte nie so wichtig gewesen, dass man sie unbedingt verstehen musste. Ich denke, wer Texte verstehen will, kaufe sich ein Buch. Es ging nie darum, eine Message rüberzubringen.

Darum ist es nicht gegangen?
Soweit es mich betrifft, nein.

Worum ging es dann?
Mehr darum, eine Atmosphäre entstehen zu lassen. Als es mit der Musik losging, fing ich an, Songtexte zu schreiben. Furchtbares Zeug! Mir fielen nie so originelle Sachen ein wie Rammstein und Rummelsnuff. Das war mir nicht gegeben. Einen guten Songtext muss man auch singen können. Bei englischen Texten spielt das keine Rolle. Man konnte Worte gestalten, das hätte sich auf Deutsch keiner getraut.

Es sind doch aber sehr gute und sogar deutsche Songtexte entstanden. "Kleine Madonna" zum Beispiel.
Wahrscheinlich hat es dort funktioniert, weil die Geschichte drumherum eine sehr persönliche war. Der Song handelt von einer guten Freundin, die an einer Überdosis starb. Sie war die erste Drogentote in Sachsen nach der Wende. Da dachte ich auch schon, naja, könnte klappen, das Textschreiben, sogar auf Deutsch. Hätten wir weitergemacht, hätte ich wahrscheinlich zwischen den Sprachen gewechselt. Wie bei "Run My Love", das sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch gesungen ist. Dort geht es um Krieg, den Wahnsinn in der Welt, der nicht aufhören will. Je älter man wird, kommen einem mehr und mehr Zweifel, ob die Menschheit überhaupt lernfähig ist. Aber dadurch, dass es im Konzert einen Film dazu gab, war die Botschaft sowieso klar. Dazu brauchte es auch keinen ausgefeilten Songtext, egal in welcher Sprache.

"Run My Love" kehrt als "Renne mein Liebling" auf "Via Dolorosa" zurück. Sämtliche Stücke dieses Albums werden durch Tonschnipsel aus Spielfilmen oder Fernsehnachrichten zusammengehalten. Der Bandname Freunde der italienischen Oper bezieht sich auf die Schwarzweißklamotte "Manche mögen's heiß". Was beides daran erinnert, dass dein kreatives Schaffen mit Film begann.
Ja, Rainer A. Schmidt, der Maler Wolf Götz Richter und ich, wir gründeten die Künstlergruppe FESA, feige sau. Wir drehten Undergroundfilme und veranstalteten eins der ersten illegalen Dresdner Filmfestivals in unserer WG in der Friedrichstatt.

War das von Anfang an der Plan, Film mit Rockmusik zu verbinden?
Nein, ich hatte mir irgendwann eine Schmalfilmkamera zugelegt, irgendeinen Blödsinn gefilmt und mir eine gewisse Technik draufgedrückt, was Filmschnitt angeht. Rainer A. Schmidt und ich nahmen das dann mit zu den Freunden der italienischen Oper.

Die Musik für sich war bei euch schon ziemlich derb. Zusammen mit den Filmen ergaben eure Konzertauftritte ein echt beklemmendes Erlebnis.
Darum ging es, das Böse rauszulassen, die Leute vor den Kopf zu stoßen, wenn mein pinkelnder Penis gezeigt oder Ohren abgeschnitten wurden. Das natürlich auch, weil wir gelesen hatten, dass die britischen Düsterrocker Throbbing Gristle bei ihren Auftritten eine Kastration im Film zeigen. Bei uns kam es vor, dass jemand aus dem Publikum in Ohnmacht fiel.

Wirklich heftig!
Geplant war das nicht. Das Gesamtereignis war die Quersumme der bekloppten Charaktere in der Band. Sicher hatte das auch mit Zeit und Ort zu tun. Ähnlich Rammstein hätten die Freunde der italienischen Oper niemals im Westen entstehen können. Wir sind ganz anders sozialisiert. Mit Gymnasiasten, die am Leben verzweifeln, wie Jochen Distelmeyer von Blumfeld sie verkörpert, verband uns rein gar nichts. Wir dachten, was sind das denn für Weicheier. Wir wollten Männermusik machen! Oder wie es unser Pressesprecher und Grafiker H.G. Griese formuliert hat, wir verkörpern das Heldische im Rock'n'Roll.

Wie wichtig war es für die Freunde der italienischen Oper, dass Wolfgang Engel euch für seine "Faust"-Inszenierung verpflichtet hat.
Sehr wichtig, aber für beide Seiten. Dem Schauspielhaus brachte das ein junges Publikum und uns weitaus mehr Resonanz als wenn wir über die Dorfsäle getingelt wären.

Eben, als die Wende kam, wart ihr bestens aufgestellt. Für euer zweites Album wollte euch Alfred Hilsberg sogar Carlos Peron von Yello als Produzenten spendieren. Warum habt ihr euch aufgelöst?
Künstlerische Meinungsverschiedenheiten, persönliche Differenzen. Sicherlich mangelte es auch an der nötigen Disziplin, eine Sache durchzuziehen. Das zweite Album wurde bandintern regelrecht zerredet. Mir schien, dass jeder sein eigenes Ding machen wollte. Lieber sehen wollte, auf eigene Kappe klarzukommen. Ich habe dann irgendwann gesagt, kommt Leute, wir beenden das, bringt nichts. Und alle schienen sehr erleichtert.

Im Anschluss an die Freunde der Italienischen Oper bist du eine Zeit lang mit Ray & The Rocket und räudigem Rock'n'Roll im Stil der 50er Jahre unterwegs gewesen.
Die Band gibt es nach wie vor, und es macht Spaß, mit vier Freunden auf der Bühne zu stehen. Wir proben nie, wir improvisieren viel und erleben magische Momente.

Ray & The Rockets sind Vergnügen?
Könnte man sagen.

Und die Freunde der italienischen Oper?
Das ist anspruchsvolle Kunst.

Das einzige neue Stück auf "Via Dolorosa" heißt "Rocket 88", genau wie ein Rock'n'Roll-Klassiker von Jackie Brenston aus den frühen Fünfzigern. Aber euer Song ist definitiv keine Coverversion! Die Songtexte sind grundverschieden.
Nein, eine Coverversion ist das nicht, auch stilistisch kein 50er-Jahre-Rock'n'Roll. Inhaltlich wiederum bestehen Berührungspunkte. Bei uns geht es darum, mit der Rocket 88 dem irdischen Jammertal zu entfliehen.

 

Aus naheliegenden Gründen ist das neue Album nach dem Leidensweg Jesu in Jerusalem benannt, denn diese Auferstehung war eine unter Schmerzen. Originalmitglieder sind entweder anderweitig beschäftig gewesen oder wollten aus persönlichen Befindlichkeiten nicht. Neurekrutierungen wurden mit schöner Regelmäßigkeit abgeworben. Als bereits Ende 2017 neue Mitstreiter sicher feststanden, brach sich Ray van Zeschau bei einem Wintersportunfall in Bulgarien das Bein. Diesmal aber sollte es klappen. Mit von der Partie sind Rajko Gohlke (Think About Mutation, Krieger, Knorkator), Tex Morton (Sunny Domestozs, Ray & The Rockets), Boris Israel Fernandez (Messer Chups, Ray & The Rockets) sowie Joey A. Vaising (Think About Mutation, Sonic Boom Foundation). Auch "Via Dolorosa" ist sehr schön geworden. Nicht irritieren lassen, wenn es heißt, dass das mit einer Ausnahme nur Neueinspielungen alter Stücke sind. Ein feines Album nichtsdestotrotz. Die Freunde der italienischen Oper hätten Rammstein sein können, wenn sie nur gewollt hätten.
Bernd Gürtler SAX 1/19