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Wie das Yin und Yang der Getränkeabteilung: Blond über ihr Debütalbum "Martini Sprite"

"Martini Sprite" dürfte über seinen Veröffentlichungstermin hinaus für Gesprächsstoff sorgen, weil ein Debütalbum, das kraftvoll ist, das sowohl gewitzt als auch nachdenklich sein kann und etwas aussagt über die Zeit aus der es kommt. Eine momentan seltene Qualität im einheimischen Rock deutscher Sprache. Umso erstaunlicher die Expertise, da Blond gern damit kokettieren, dass sie bereits in frühen Jugendjahren Popstar als Berufswunsch angegeben hätten, was sich damals wie heute in der Teilnahme an einer dieser unsäglichen Castingshows verlaufen könnte. Bloß gut, dass die Geschichte eine vorteilhaftere Wendung nahm.

Foto: Anja Jurleit
Foto: Anja Jurleit
Foto: Anja Jurleit

Begonnen hatte es daheim in Chemnitz mit Coversongs, aufbereitet als ein von Lady Gaga oder den Halbzeitshows beim Superbowl inspiriertes, ständig perfektioniertes Revueprogramm, mit rasanten Kostümwechseln, Zauberkunststückchen und ähnlichen Varietéeinlagen. Zwei EPs mit meistenteils englischsprachigen Songs entstanden eigentlich nur, um potentiellen Konzertveranstaltern überhaupt einen Tonträger an die Hand geben zu können. Die jetzt durchweg deutschen Songtexte des ersten Vollelängealbums markieren einen geradezu sensationellen Fortschritt. Ab sofort sollte Schluss sein mit Verweisen auf Kraftklub und AG Geige. Kein Zweifel bei der Interviewverabredung Anfang Januar 2020 im Chemnitzer Kellerclub Atomino, mit ihrem Jugendfreund Johann Bonitz als Dritten im Bunde, sind Nina und Lotta Kummer aus dem Schatten der Familie getreten.

Die Songtexte auf "Martini Sprite" komplett in deutscher Sprache, wie kam es dazu?
Nina Kummer: Unser letztes Revueprogramm "Die große Blond-Gala" enthielt vier der jetzt veröffentlichten Songs noch auf Englisch. Die sind für das Album auch schon englisch eingesungen gewesen. Vergangenes Jahr haben wir dann sehr viel live gespielt, viel auf großen Festivals. Immer öfter dachte ich, ob es nicht Zeit wäre, es auf Deutsch zu versuchen. Aber da musste ich erst hinfinden, das erfordert Mut.

In seiner Muttersprache kann man sich um einiges differenzierter ausdrücken oder?
Nina Kummer: Unbedingt, schwierige Themen lassen sich besser bewältigen, Humor fällt leichter.
Johann Bonitz: Man möchte ja auch verstanden werden. Auf deutsche Songtexte reagiert das Publikum ganz anders. Nach dem Konzert oder bei Interviews kommen Nachfragen. Es entsteht Gesprächsstoff.
Nina Kummer: Wahrscheinlich ist das Englische eine Art Schutzschild gewesen. Wir hatten unsere Themen, die wurden ein bisschen verpackt, und jeder interpretierte das für sich. Selten sind wir auf Songtexte angesprochen worden. Jetzt gibt es nichts mehr zu interpretieren, man weiß sofort Bescheid.

Historisch gesehen sind deutsche Rocktexte eine echte Errungenschaft. Sowohl in Westdeutschland als auch in der DDR, ist die Sprachregelung eindeutig gewesen. Schlagerclowns sangen deutsch, waschechte Rocker englisch. Erst zu Beginn der siebziger Jahre änderte sich das, in Westdeutschland unter anderem durch Udo Lindenberg. Später im subkulturellen Rock der sogenannten Neuen Deutschen Welle und anschließend im Diskursrock der Hamburger Schule, galten deutsche Songtexte als alternativlos. Erst seit den Nullerjahren scheinen englische Songtexte unter gewissen Umständen erlaubt.
Johann Bonitz: Es gibt sicherlich Künstler, bei denen das funktioniert, die das gut können, des Englischen mächtig sind. Uns war irgendwann aufgefallen, dass wir uns in den sozialen Medien vorteilhafter auf Deutsch präsentieren.
Lotta Kummer: Aber das Schöne ist, dass wir mit unserer Musik alles Mögliche anstellen können. Jetzt hatten wir Lust auf ein Debütalbum in deutscher Sprache. Kann sein, dass wir in drei Jahren wieder englisch singen.
Nina Kummer: Oder auf Spanisch, wer weiß. Die Coversongs aus unserem Bühnenprogramm sind nach wie vor englisch gesungen. Wir wollen uns auf gar keinen Fall festlegen lassen. Bei unserem Debütalbum hat Deutsch gepasst.

Nicht nur, dass es passt, die Texte sind phantastisch!
Nina Kummer: Oh, danke!

Schreibst du dir, Nina, als Sängerin die Songtexte selbst? Oder sind das Kollektivarbeiten?
Nina Kummer: An der Themenfindung sind alle drei beteiligt.
Johann Bonitz: Und wir besprechen das innerhalb der Band.
Lotta Kummer: Aber die Endfassung schreibt Nina.

Bemerkenswert ist, dass die Songtexte Alltagsthemen mit einer Lebendigkeit aufgreifen, die an eben den Udo Lindenberg der frühen siebziger Jahre erinnert.
Nina Kummer: Der Udo hat witzige Songtexte, stimmt. Den Vergleich mit Lindenberg finde ich gerade ziemlich cool. Normalerweise werden Mädchen, die deutsch singen, immer mit Musikerinnen verglichen.

Soweit sich das überblicken lässt, gibt es neben euch leider keine weiteren Mitbewerberinnen, die ähnlich pointiert speziell die Lebenswelt eurer Generation wiedergeben.
Nina Kummer: Ich weiß nicht, ob wir für unsere Generation sprechen. Aber unsere Themen sind Themen aus unserem Freundeskreis, richtig.

Datingapps zum Beispiel sind definitiv eine Erfindung der Neuzeit und euch bestens vertraut, wie sich "Match" sehr leicht entnehmen lässt.
Nina Kummer: Ja, das ist ein Song über eine moderne Art die Liebe zu suchen und von daher schon interessant.

Kurios mag sein, dass es euch trotz weitaus effizienterer Kommunikationsmittel offenbar mindestens genauso schwerfällt wie euren Eltern oder Großeltern, den einen Gefährten, die eine Gefährtin fürs Leben zu finden.
Nina Kummer: In dem Song ist das so, ja. Filme, Bücher, Zeitschriften hinterlassen besonders bei jungen Frauen den Eindruck, ihre einzige Bestimmung bestünde darin, einen Partner zu finden, Kinder zu kriegen und ein schönes Haus mit Hund zu bewohnen. Als junger Mensch ist man oft verwirrt, sucht Orientierung, möchte das alles vielleicht sogar, aber unter Zwang wird das nichts. Am Ende ist es wie in "Match" beschrieben, dass man zuerst mit sich selbst ins Reine kommen muss, sonst funktioniert das andere auch nicht. Natürlich vervielfacht sich das Angebot potentieller Partner durch das Internet. Du kannst deine große Liebe jetzt in Mexiko finden. Es muss nicht mehr an der Fleischtheke im Supermarkt passieren, wenn sich eure Hände beim Greifen nach dem Schinkenaufschnitt zart berühren. Heute sind auch so viele verschiedene Beziehungsmodelle denkbar, was extrem überfordernd ist. Ständig fragt man sich, ob nicht noch etwas Spannenderes auf einen wartet.
Johann Bonitz: Es geht auch alles unglaublich schnell und ist supereinfach. Du findest jederzeit jemanden, den du sofort treffen könntest.
Lotta Kummer: Vielleicht ist das ein Merkmal unserer Generation, diese Grenzenlosigkeit, dass einem unendliche Möglichkeiten offenstehen. Das betrifft nicht nur Beziehungen sondern auch Fragen zur Zukunft im Beruf. Man gibt sich generell nicht mehr so leicht zufrieden. Bei uns ist das so, ach, ich weiß nicht, ich probiere noch dies oder jenes. Das ist unsere Generation.

Ziemlich am Anfang von "Martini Sprite" steht mit "Autogen" ein Song, der wiederholt zwischen ruhigen Passagen und Zornesausbrüchen wechselt. Fast könnte man denken, die nachfolgenden Songs verhandeln genau die Themen, die euch daran hindern zur Ruhe zu kommen.
Nina Kummer
: So hatte ich das noch gar nicht gesehen. "Martini Sprite" ein Konzeptalbum sozusagen!?
Lotta Kummer: Wobei das etwas anders gemeint ist. Der Song betrifft Themen, die nicht zur Ruhe kommen lassen dürfen, die aufregen sollten.
Nina Kummer: Stimmt, wenn wir nicht mit Blond unterwegs oder im Studio sind, arbeite ich im Atomino an der Bar. Jedes Mal wenn mich jemand Mäuschen oder so nennt, könnte ich aus der Haut fahren. Ich kann das nicht ab! Und er sagt dann meistens sowas wie, entspann dich mal. Ich will mich aber nicht entspannen, ich will sagen, weshalb mich das stört. Darum geht es in dem Song. Wenn sich die Frauen hinter MeToo, die Schüler von Fridays For Future entspannen, wird sich nie etwas ändern.

Stichwort MeToo, am Beispiel eines Klubtontechnikers befasst sich "Thorsten" mit dem sogenannten Mansplaining, also wenn Männer Frauen etwas erklären und davon ausgehen, dass die Frauen weniger von der Sache verstehen, weil sie Frauen sind. Begegnet euch das häufiger in der Musikbranche?
Nina Kummer: Sehr oft sogar, leider. Dass einem ungefragt Sachen erklärt werden, weil davon ausgegangen wird, eine Frau kann das nicht wissen.
Johann Bonitz: Oft geht es schon damit los, dass Männer nicht fassen können, wenn eine Frau Schlagzeug spielt.
Lotta Kummer: Genau, wenn ich Schlagzeug auf der Bühne spiele, sollte ich mich doch auskennen mit meinem Instrument. Aber nicht selten wird es mir erklärt, von Außenstehenden, die meinen es besser zu wissen.
Nina Kummer: Manchmal kommt Lotta mit ihrem Schlagzeug rein, und ein Klubtechniker fragt, wer der Schlagzeuger ist. Großes Erstaunen dann, wenn Lotta sagt, dass sie es ist, die Schlagzeug spielt. Das passiert oft. Oder dass sich jemand vom Klub an ihr Schlagzeug setzt und darauf herumtrommelt. Keiner würde sich am Instrument eines Mannes vergreifen! Das Instrument eines Musikers gilt als Heiligtum, nicht das Instrument einer Musikerin.

Der außergewöhnlichste Song auf "Martini Sprite" ist "Es könnte grad nicht schöner sein", wo mit einem humorvollen Augenzwinkern Menstruationsbeschwerden abgehandelt werden. Das bringt euch sicherlich nicht nur Beifall ein.
Nina Kummer: Ehrlich gesagt, wir denken über sowas gar nicht nach. Wir machen etwas und hauen das raus, das war immer so bei uns. Wir werden sehen, was an Feedback zurückkommt. Vielleicht sagen wir dann, ach du meine Güte.
Johann Bonitz: Es geht doch um eine völlig natürliche Sache. Eigentlich dürfte sich niemand auf den Schlips getreten fühlen.
Nina Kummer: Theoretisch, aber das ist das Thema des Songs, weshalb das überhaupt so ein Thema ist.

Bliebe noch der Albumtitel, der ein altmodisches Partygetränk und Fruchtlimonade auf sich vereint. Ist das als Metapher für den Charakter des Albums oder der Band zu verstehen?
Nina Kummer: Absolut. Zwei total gegensätzliche Getränke werden miteinander vermischt. Martini und Sprite, das Yin und Yang der Getränkeabteilung, wie wir immer sagen. Das eine altbacken, das andere neu, knallig, spitzig. Das trifft auf das Album, auf unsere Band zu.
Bernd Gürtler SAX 4/20