|   Rezension

The Good Ones

Rwanda, You Should Be Loved

(Anti/Indigo)

Ruanda, das Lehrstück, wie Ausgrenzung und Hetze eine Gesellschaft in den Abgrund stürzen können. Wiederholt sogar, denn Gewaltexzesse zwischen Tutsi und Hutu erlebt das "Land der tausend Hügel", wie sich der ostafrikanische Binnenstaat auch nennt, 1994 nicht zum ersten Mal. Seinerzeit jedoch in einem nie dagewesenen Ausmaß, und erschütternde Medienberichte von den Ereignissen gehen um die Welt. Mit seiner Formation The Good Ones will der gebürtige Ruander Adrien Kazigira dem Schrecken der Vergangenheit einen Kontrapunkt entgegensetzen und zur Aussöhnung in seinem Heimatland beitragen.

Bereits in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts vereint König Kigeri Rwabugiri vormals autonome, ostafrikanische Provinzen zum Staatsgebilde Ruanda und unterteilt die Bevölkerung in Tutsi und Hutu. Als Tutsi gilt wer Viehzüchter ist und wird in der Gesellschaftshierarchie über die mit Ackerbau befassten Hutu gestellt. Die Kolonialmacht Deutschland, die sich das Land zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts unter den Nagel reißt, behält die Unterscheidung bei und verknüpft sie mit europäischer Rassenideologie. So dass es der wiederum nächsten Kolonialmacht Belgien leicht fällt, die Klassenunterschiede endgültig zu biologisieren. Ein Volk aus mehr oder weniger Gleichen findet sich plötzlich in vermeintlich verschiedene Ethnien auseinanderdividiert. Eine verhängnisvolle Entwicklung, in deren Folge es 1959 erstmals zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Tutsi und Hutu kommt.

Als im Frühjahr 1994, angestachelt durch massive Hasspropaganda, ein marodierender Hutu-Mob Jagd auf Tutsi macht, kann sich Adrien Kazigira in den Baumwipfeln jener Farm verstecken, auf der er nach wie vor lebt, ohne elektrischen Strom und fließend Wasser. Und wo er mit seinen The Good Ones 2009 von Ian Brennan entdeckt wurde. Der amerikanische Produzent, bekannt durch seine Zusammenarbeit mit Tinariwen oder Ramblin' Jack Elliott, war von seiner Ehefrau, einer Italienerin mit ruandischen Wurzeln zu einer Entdeckungsreise ermuntert worden.

Nach "Kigali Y Izahabu" sowie "Rwanda Is My Home", ist "Rwanda, You Should Be Loved" das dritte Album der The Good Ones, erneut eingespielt in Ruanda. Die zwölf Songs zur Akustikgitarre, mehrstimmig vorgetragen in ruandischer Regionalsprache, sind Meditationen über Adrien Kazigiras Tochter Marie-Claire, dreizehn Jahre alt und an einem bösartigen Tumor am linken Auge erkrankt. Nachträgliche Verfeinerungen wurden von Nels Cline (Wilco), Tunde Adebimbe (TV On The Radio), Kevin Shields (My Bloody Valentine) und Jeo Lally (Fugazi) angebracht.
Bernd Gürtler/TM

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"Farmer"

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