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The Düsseldorf Düsterboys: Nenn mich Wettbewerbsverweigerer

Bei The Düsseldorf Düsterboys steht mit International Music die andere Band von Peter Rubel und Pedro Goncalves Crescenti indirekt auch immer auf der Bühne. Ohne ein Geschäftsmodell zu pflegen wie in den frühen Anfangstagen von Jethro Tull, als sich eine nahezu identische Besetzung der britischen Progressiverocker wöchentlich unter jeweils anderen Namen in die Spur begab, bis der eine Bandname irgendwann hängenblieb. Es gibt Unterschiede, die gepflegt werden und nachgewiesen sind durch die 2018/19 veröffentlichten Debütalben beider Formationen, "Nenn mich Musik" beziehungsweise "Die besten Jahre".

Foto: Lukas Vogt
Foto: Alfred Jansen

Nichtsdestotrotz bestehen gewisse Gemeinsamkeiten. Wichtigste Schnittstelle ist das Kernduo, das da wie dort die Fäden in der Hand hält und eigenwillige Songs webt, die gern mit ihrer Wahlheimatstadt, dem nordrhein-westfälischen Essen verknüpft werden. Oder sich doch ganz anderes erklären lassen? Zum Scharfstellen der Optik kam Pedro Goncalves Crescenti im Büro ihrer Berliner Schallplattenfirma Staatsakt vorbei.

Ob das für The Düsseldorf Düsterboys auch gilt, wäre zu klären. Aber über International Music ist zu lesen, die Songs der Band würden den Herkunftsort Essen zum Klingen bringen. Denkst du, dass das zutrifft?
Bedingt. Die Sache ist die, dass Peter und ich nicht aus Essen sind. Wir sind zugezogen und heimisch geworden, so dass wir nach dem Studium dort wohnen bleiben möchten. Aber Essen ist Wahlheimat, wir sind dort nicht geboren. Deshalb können wir schlecht so tun als sei die kulturelle Eigenart vor Ort die unsere. Trotzdem sympathisieren wir damit. Dass das in unsere Songs einfließt, lässt sich kaum von der Hand weisen. Ich denke, unsere Musik wäre eine andere, würden wir in Freiburg oder Dresden leben.

Der Hinweis auf den Regionalbezug lässt sofort das Stichwort Provinz mitschwingen. Essen ist aber alles andere als Provinz!
Eine ungerechte Zuschreibung, stimmt. Das Ruhrgebiet, Nordrhein-Westfalen generell ist unglaublich vielfältig. Die Region ist nicht gut vernetzt durch öffentliche Verkehrsmittel, das ließe sich besser regeln. Aber Mühlheim, Bochum, Dortmund und Essen liegen dicht beieinander. Von Essen nach Dortmund braucht es genauso lange wie von Berlin-Kreuzberg in den Prenzlauer Berg, und Dortmund ist von Essen die am weitesten entfernte Stadt. Wiederum liegt Essen genau im Zentrum, was ein Glücksfall ist. Ringsum überall rührige Gruppierungen mit unheimlich interessanten Projekten. Es ist viel los. Sicher, man kann nicht Dienstagabend ausgehen und in jedem beliebigen Stadtteil spannende Sachen erleben. Aber dann setzt man sich eben bei sich in der Wohnung mit Freunden zusammen.

Und macht Musik?
Richtig, vielleicht bei Kerzenschein, dazu das eine oder andere Bier. Woran ich immer denken muss, wenn ich darüber spreche, das ist der visuelle Eindruck. Das hat schon was. Wir, die wir aus Mainz zugezogen sind, um Germanistik und Anglistik beziehungsweise an der Folkwang-Universität Komposition zu studieren, sind es nicht gewohnt, von Industrie umgeben zu sein, die teilweise nur noch als Skelett existiert, teilweise noch sehr lebendig ist. Und dann wieder der sehr weite, grüne Blick über das Ruhrgebiet. Unglaublich! Ich bin mir sicher, dass das in uns gearbeitet hat, besonders in den ersten Jahren.

Essen kann schon deshalb keine Provinz sein, weil die Stadt die viertgrößte in NRW und sogar Hauptsitz der Folkwang-Universität ist. 1968 fanden die Essener Songtage statt, wo von Frank Zappa bis Tim Buckley oder Amon Düül alles aufgetreten ist, was im Rockunderground Rang und Namen hatte.
Ein geschichtsträchtiger, fruchtbarer Ort, zweifellos. Ich würde gern eine Zeitreise unternehmen. Eher weniger in die neunziger Jahre, aber inzwischen geht es wieder in eine Richtung, die okay ist. Mit den richtigen Leuten kann man in jeder Stadt etwas bewegen.

Ohne das Wissen um den aktuellen Lebensmittelpunkt lassen sich eure Songs auch als gesungene Stillleben deuten. Immerhin, bei International Music ist euer dritter Mann Joel Roters, ein Maler, der in Karlsruhe Kunst studiert hat.
Ein befreundeter Autor hat das Stiletikett Alltagspsychedelic geprägt. In gewisser Weise schließt das daran an. Das ist das, was uns an der Welt fasziniert.

Alltagspsychedelic trifft es auch ganz gut. "Cool bleiben", ein Song von Internation Music, wendet das Alltagsklischee "Frauen müssen geil sein, Männer müssen cool sein, Jobs müssen Geld bringen" verbal so lange in jede erdenkliche Richtung, bis der Hörer nicht mehr weiß, wo oben und unten ist und sich vom Gedankenstrom einfach mitreißen lässt.
Das ist jetzt einer der seltenen Momente, wo Rezeption und Intention fast deckungsgleich werden. Auch für uns ist es der Idealfall, wenn man mitfließt, den Kopf ausschalten kann, die Orientierung verliert. Dann ist etwas Gutes passiert.

Inwiefern?
Es ist aufregend, nicht langweilig. Man sagt sich nicht, okay, ich habe mein ganzes Leben Pearl Jam gehört, ich will jetzt genauso klingen wie die. Es ist mehr ein Spiel, man hält sich selbst bei Laune, fordert sich heraus. Eine unglaubliche Genugtuung, wenn am Ende ein spannendes Ergebnis steht.

Eine weitere Assoziation, die sich mit euren Songs verbindet, ist, dass ihr offenbar die völligen Wettbewerbsverweigerer seid.
Absolut!

Eure Songs haben einen eigenen Rhythmus, einen eigenen Sound, gönnen sich eine eigene Trägheit und machen sich rein gar nichts aus dem, was angeblich wichtig ist.
Das würde ich als großes Kompliment empfinden. Wenn das jemand über uns sagt, sind wir auf dem richtigen Weg.

Auch was diesen Charakterzug angeht, wäre "Cool bleiben" vermutlich ein geeigneter Beispielsong? Witzigerweise ist "Cool bleiben" nicht unumstritten innerhalb der Band, wegen der leichten Auslegbarkeit. Aber es wird deutlich, dass das ironisch gemeint ist. Nichts muss und die Faust zum Protest erhoben.

Von der Darbietungsform her erinnert "Cool bleiben" an Rio Reiser und Ton Steine Scherben!
Durchaus, stilistische Referenzpunkte lassen sich bei uns eher in den Sechzigern, Siebzigern und Achtzigern finden als in den Nullerjahren bis heute.

Aber was wäre jetzt der Unterschied zwischen The Düsseldorf Düsterboys und International Music?
Das lässt sich vermutlich schwer in eine griffige Überschrift fassen.

Von außen betrachtet sind Düsseldorf Düsterboys mehr ein Duo. Die Songs würden genauso gut zur Wanderharfe funktionieren, im Stil von Simon & Garfunkel oder so.
Ja, The Düsseldorf Düsterboys, das sind Peter und ich. Wir sind in Mainz zusammen zur Schule gegangen, mit den Düsterboys hat es überhaupt angefangen für uns. Manchmal gehen wir tatsächlich noch im Duo auf Tour und fahren dann mit dem Zug, was jedes Mal ein Vergnügen ist.

Und International Music, mit Joel Roters im Trio, das scheint dann eher ein Bandding zu sein. Die Songs dort sind jedenfalls auf eine Weise komplex arrangiert, dass der Eindruck entsteht, ein Kollektiv sei am Wirken gewesen.
Stimmt, wobei die Albumeinspielung mit den Düsseldorf Düsterboys zusammen mit den beiden Gastmusikern so gut geklappt hat, dass wir überlegen, ob wir die Düsterboys nicht auch als Band weiterführen. Fabian Neubauer kommt aus dem Jazz und spielt Keyboards sehr ins Experimentelle hinein. Edis Ludwig kommt eigentlich aus der Elektronik, er kann Sounds programmieren wie kein Zweiter in Deutschland. Bei uns spielt er das erste Mal Schlagzeug. Daraus ergeben sich ganz neue Möglichkeiten, jeder Abend ist anders aufregend.
Bernd Gürtler SAX/1/20

Video/Musik
"Kaffee aus der Küche"
"Oh, Mama"