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Calexico bekennen sich zu einer altmodischen Kommunikationsform

Vorn auf dem Cover ihres Albums "The Thread That Keeps Us" (CitySlang) ein verschwommenes Postkartenaquarell, das eine einzelne Menschengestalt beim Durchqueren idyllischer Graslandschaften zeigt. Im Hintergrund alpine Berggipfel, darüber der blaue Himmel. Dieses Motiv, ließ die Plattenfirma vorab im Pressetext verlauten, erinnere vage an den Mythos des weiten Landes, das so viele amerikanische Träume beflügelt hat.

Foto: Chema Gonzalez
Foto: Jairo Zavala

Genaugenommen geht es um ganz etwas anderes, entgegnet Calexicos Sänger Joey Burns beim Interviewtermin in Berlin und versteht es, eine Gesprächsatmosphäre herzustellen, die hervorragend nachvollziehbar macht, weshalb das amerikanische National Public Radio befand, diese Band verstünde es eine Weite zu schaffen, die sich nicht nach Einsamkeit anfühlt. Zweifellos, eine haltlose Plaudertasche ist Joey Burns deshalb noch lange nicht. Nur, genauso wichtig wie das Musikmachen ist ihm das Darüberreden. Er betrachtet das als Geste, die seine Bodenständigkeit unterstreichen soll.

Wobei sein Gegenüber nie befürchten muss, einem billigen Promotiontrick aufgesessen zu sein. Man glaubt ihm aufs Wort, dass er seine freie Zeit lieber damit verbringt seine beiden sechsjährigen Zwillingstöchter aufwachsen zu sehen. Ein eigenes Demostudio unterhält er erst gar nicht zu Hause. Songideen werden auf dem Smartphone festgehalten und per E-Mailanhang weitergeleitet an Schlagzeuger John Convertino, seine bessere Calexico-Hälfte seit Bandgründung 1996 in Tucson, Arizona. Wenn aus dem Skizzenfundus richtige Songs entstehen sollen, begeben sie sich an einen Ort, der konzentriertes Arbeiten möglich macht.

Diesmal sollte es ein Home-Recording-Studio im Großraum San Francisco werden, gelegen in einer Gegend, wo Kalifornien noch weitgehend naturbelassen ist. Genau die richtige Wahl, wie es scheint. Auf "The Thread That Keeps Us", ihrem neunten Studioalbum bislang, könnten auch sechs, sieben verschiedene Bands vertreten sein, so sehr, wie sich die Songs unterscheiden, schwärmt Joey Burns. "Aber genau das macht uns aus, so sehen wir uns, als Gegenentwurf zur Engstirnigkeit gewisser Politiker und deren Anhängerschaft. Das wollten wir unterstreichen, gerade jetzt. Wegen des Wahlausgangs vergangenen Herbst haben wir uns rangehalten, um beizeiten wieder unter Menschen zu kommen und uns mit Musikerkollegen, Journalisten, Fans austauschen zu können."

Was den stilistischen Facettenreichtum anbelangt, lässt sich das Album wirklich kaum überbieten. Elemente aus Reggae, Elektropop und HipHop mischen sich mit Anleihen bei Sonic Youth, Peter Gabriel oder John Lennon. Die Wahl von Donald Trump zum fünfundvierzigsten Präsidenten der Vereinigten Staaten wiederum wirft einmal mehr die Frage auf, welche plausible Erklärung es für das fatale Ergebnis gibt?! "Rassismus", Joey Burns ist sich ziemlich sicher und empfiehlt die Lektüre von "We Were Eight Years in Power: An American Tragedy" des amerikanischen Kolumnisten Ta-Nehisi Coates. "Dort wird beschrieben, wie sich Rassismus durch die Geschichte Amerikas zieht und leider nie mit dem nötigen Respekt aufgearbeitet wurde. Öffentlich redet so gut wie niemand darüber, und genau das hat uns diesen Extrempräsidenten eingebracht."

In der einen oder anderen Form nehmen fast alle Songs von "The Thread That Keeps Us" Bezug auf die gesellschaftlichen Verwerfungen. "End Of The World With You" beschreibt, wie das Politische ins Private hineinwirkt. "Voices In The Fields" thematisiert Flüchtlingsschicksale. "Girl In The Forest" ermahnt zum Respekt gegenüber der Natur. Was gegen die prekäre Situation hilft? Man ist geneigt, kurzerhand Calexico zu empfehlen. Bei ihnen wird sich niemand einsam fühlen, sei die Weite noch so endlos. Anstatt der Konfrontation suchen sie den Dialog. Anstatt Gräben zu ziehen, schlagen sie Brücken.

Zur Überwindung größerer Distanzen empfehlen sie eine altmodische Kommunikationsform, die sie neuerdings selbst wieder pflegen. Das Versenden von Postkarten nämlich, verrät Joey Burns, und jeder einzelne Song auf "The Thread That Keeps Us" versteht sich als eine solche. Von daher ist die Frontcovergestaltung keineswegs ein Zufall, was leider aber nur diejenigen entdecken durften, die sich in den Besitz der Deluxe-Edition der CD-Version bringen konnten, der mehrere Motive aus dem Klappcover der Vinylausgabe im Postkartenformat beiliegen. Dabei spielt es keine Rolle, ob der ausgewachsene Lindenbaum einen Dorfanger in Bayern oder Texas schmückt, das mediterrane Haus in Sizilien oder Kalifornien steht, das Meermotiv am Atlantik oder an der Ostsee eingefangen wurde. Ein interkultureller Geist weht von jeher durch Calexico. Benannt hatte sich die Band nach einer Ortschaft an der Grenze zwischen Kalifornien und Mexiko. Und machen wir uns nichts vor, ohne ihr europäisches Publikum, ohne ihre Berliner Schallplattenfirma CitySlang hätten Calexico niemals diese beachtliche Popularität erreicht.
Bernd Gürtler Cybersax 7/18

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