|   Rezension

Shirley Collins

Heart's Ease

(Domino)

Weithin geschätzt wegen besonderer Fähigkeiten bei der Bewahrung des britischen Folkerbes. Ihr Repertoire überwiegend eine Auswahl handverlesener Traditionals, die sie mehr wiedergibt anstatt dem Material einen individuellen Stempel aufzudrücken. Fast scheint es als sprächen die Vorfahren durch Shirley Collins! Eine gescheiterte Ehe schlägt ihr dann so sehr aufs Gemüt, dass sie fast drei Jahrzehnte nicht mehr vor Publikum singen kann. 2016 schließlich doch ein Comeback und jetzt, im fünfundachtzigsten Lebensjahr, mit "Heart's Ease" das zweite, ausgezeichnete Comebackalbum nach "Lodestar".

Seit ihrer Rückkehr ins Rampenlicht, war sie Gegenstand des hochgelobten Dokumentarstreifens "The Ballade Of Shirley Collins" und selbstverständlich vertreten auf dem gleichnamigen Soundtrackalbum. Ein zweites autobiographisches Erinnerungsbuch ist erschienen, "All In The Downs – Reflections On Life, Landscape, And Song", das die Beastie Boys im Wettbewerb um den Penderyn Music Book Prize überflügelt. Konzerttermine standen wieder öfter auf dem Programm, darunter ein umjubelter Auftritt im Londoner Barbican Center.

Von heute aus betrachtet, ergeben die Aktivitäten der letzten vier Jahre einen couragierten öffentlichen Selbstfindungsprozess. Shirley Collins zeigt sich, erklärt sich, teilt sich mit. Weniger traditionell als vielmehr persönlich geprägt auch die Songauswahl zu "Heart's Ease". Textverfasser von "Sweet Greens And Blues" und "Whitesun Dance" war ihr erster Ehemann Austin John Marshall, ein Grafikdesigner und Poet, der 1964 bei "Folk Roots, New Roots", einem Duoalbum mit Davy Graham, als Produzent einsprang. "Locked In Ice" stammt aus der Feder ihres verstorbenen Neffen Buz Collins. "The Merry Golden Tree" sowie "Wondrous Love" kennt sie seit ihren Field Recordings an der Seite von Alan Lomax 1959 im Süden der USA.

Zum guten Albumschluss eine weitere Abweichung von der Regel. "Crowlink" verschmilzt die ansonsten dominanten Akustikinstrumente mit Electric Piano und Moog Synthesizer zu einer Form zeitgenössischer elektronischer Folkinterpretation. Ihrem musikalischen Direktor Ian Kearey von ehemals Oyster Band ist zu danken, dass der Drahtseilakt fulminant gelingt. Selten zuvor wurde die archaische Welt, aus der ihre Songs normalerweise stammen, eindrucksvoller zum Klingen gebracht.
Bernd Gürtler/TM

Video/Musik
"Sweet Greens And Blues"
"Whitsun Dance"
"Locked In Ice"
"The Merry Golden Tree"
"Wondrous Love"
"Crowlink"
 

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