|   Rezension

Sharon Van Etten

Remind Me Tomorrow

(Jagjaguwar)

Schatz sei so gut, erinnere mich morgen noch mal. Wer kennt ihn nicht, den Spruch junger Eltern, wenn es wie so oft über ihnen zusammenschlägt und sie sich am liebsten im Spielzeugcontainer ihrer Sprösslinge verkriechen würden. Ganz zu schweigen von den Dingen, die früher das Leben angenehm gemacht hatten und jetzt im Alltag zwischen Wickelkommode, Breichenkochen und Waschmaschineausräumen zur fernen Erinnerung verblassen.

Kinder großzuziehen ist eben mehr als ein Vollzeitjob. Aus den Songs heraus wirkt die Thematik überraschenderweise sehr viel weniger dramatisch als es das Frontcover zu "Remind Me Tomorrow" vermuten lässt. Es ist im Gegenteil sogar ein Album entstanden, dessen Heiterkeit ihr fast peinlich sei in Zeiten wie diesen, gestand Sharon Van Etten bei verschiedenen Interviewterminen. Ein unberechenbarer US-Präsident residiert im Weißen Haus, und sie feiert ihr Familienglück? Darf sie das? Doch, sie muss sogar, zur Stärkung der Abwehrkräfte. Jeder ihrer atmosphärisch dichten, neuen Songs offeriert ein probates Mittel gegen den Irrsinn in der Welt. Eine vertrauensvolle, stabile Beziehung wie mit "I Told You Everything" beschrieben, hilft erfahrungsgemäß. Oder wenn Lebensgefährten dem jeweils anderen zugestehen, aus früheren Beziehungen und Familienzusammenhängen einen ziemlichen Rucksack mit sich rumzuschleppen, den zu bewältigen nur durch ein respektvolles Miteinander gelingen kann; siehe "No One's Easy To Love". Oder Eltern überlegen, was sie dem langen Schatten entgegensetzen könnten, den die Gegenwart auf die Zukunft ihrer Kinder wirft; ein Gedanke, der von "Memorial Day" aufgegriffen wird. In den fünf Jahren seit dem Albumvorgänger "Are We There", ist Sharon Van Etten selbst Mutter eines Sohnes geworden, schrieb den hochgelobten Soundtrack zu Katherine Dieckmanns Leinwanddrama "Strange Weather" und gab in der Netflix-Serie "The OA" ihr Debüt als Schauspielerin. Musikstilistisch wollte sie weg vom Quasifolk der Vergangenheit und zur Kenntnis geben, dass unter ihren privaten Lieblingsschallplatten Scheiben von Portishead, Suicide oder Nick Cave zu finden sind.
BG/TM