|   Rezension

Pictish Trail

Thumb World

(Fire/Cargo)

Nachts, wenn du schläfst, schläft auch dein Laptop? Und wenn nicht? Was, wenn der nützliche Rechenknecht heimlich ein intergalaktisches Weltraumepos komponiert? Dann dürfte die Festplatte am nächsten Morgen etwas auswerfen, das klingt wie bei Pictish Trail, dem Bühnenalterego von Johnny Lynch. Keineswegs von ungefähr gilt der bärtige Schotte seinem Schallplattenlabel als wahres "electro-acoustic psych-pop wonder". Dass die skurrilen Songkreationen zwischen Ohrwurm und Experiment an seltsame Songtexte und eine eigenwillige Biographie geknüpft sind, versteht sich fast von selbst.

Johnny Lynch, Jahrgang 1981, geboren in Edinburgh, ging aus dem Fence Collective hervor, beziehungsweise ist er es gewesen, dem die programmatische Betreuung der von King Creosote gestarteten Fence Records oblag, worüber er unter anderem die Bekanntschaft von James Yorkston macht. 2013, inzwischen vom East Neuk Of Fife auf die Isle Of Eigg vor der schottischen Westküste gezogen, gründet er Lost Map Records und veröffentlicht beispielsweise frühe Alben von Seamus Fogarty.

Sein Künstlerpseudonym geht zurück auf einen englischen WG-Mitbewohner und Comedian, der ihm den Spitznamen The Pict verpasst, um ihn sozusagen als garantiert schottisch zu markieren, verrät Johnny Lynch dem britischen Webmagazin The Courier. Die Pikten sind ein schottisches Urvolk gewesen, eine malerische Touristenroute entlang eines Küstenabschnitts ihrer einstigen Siedlungsgebiete im Nordosten Schottlands ist nach ihnen benannt. Als besagter englischer Scherzbold von einem Ausflug zum The Pictish Trail ein Foto von sich vor einem entsprechenden Hinweisschild schickt, musste Johnny Lynch nur noch eins und eins zusammenzählen.

Bei seinem Vorgängeralbum "Future Echoes", konnte die Webplattform Outlineonline in Erfahrung bringen, ging es um "death and the end of things but also about new beginnings and life"; seine Mutter war zuvor gestorben und er zum zweiten Mal Vater geworden. "Thumb World" jetzt, gab Johnny Lynch gegenüber GodIsInTheTVZine zu Protokoll, widmet sich dem bislang nicht annähernd wertgeschätzten Umstand, "how humans are quite separate from the animal kingdom because we have opposable thumbs". Was hilfreich ist bei der Bedienung unserer Smartphones, über die wir inzwischen einen Großteil zwischenmenschlicher Beziehungen abwickeln. Auch das ein Thema des Albums. Des Weiteren verarbeitet der grenzwertige LSD-Trip am Rande eines Auftritts beim Glastonbury Festival, und zwar an der Stelle, wo ein "bear with heart eyes" ungebeten in Johnny Lynchs Zeltbehausung vorbeischaut.
Bernd Gürtler/TM

Musik/Video
"Turning Back"
"Slow Memories"
"Lead Balloon"

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