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Peter Hammill & Van der Graaf Generator: Garantierter ideeller Wertzuwachs

Langlebige Rockbands liegen früher oder später vor einem wie ein offenes Buch. Kurz angespielt und die meisten Songs werden erkannt. Markante Textstellen prägen sich ein, der biographische Hintergrund ausgeleuchtet bis ins Detail. Keine Überraschungen mehr, nur noch die Bestätigung des Gewohnten. Ganz anders Peter Hammill. Sein intensiver Gesangsvortrag eignet sich kaum zum Nebenbeihören. Privates dringt selten an die Öffentlichkeit, und konsequent durchgehalten seine Weigerung, eigene Songtexte zu kommentieren. Ob mit seiner Progressiverockformation Van der Graaf Generator oder solo, der gebürtige Brite ist und bleibt eine Ausnahmeerscheinung.

Foto: Fie! Records
Foto: Fie! Records
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Wer sich auf Peter Hammill einlässt, darf auf garantierten ideellen Wertzuwachs hoffen. Nach wie vor gibt es einiges zu entdecken. Selbst frühe Albumeinspielungen sind nach Jahrzehnten noch nicht vollständig enträtselt. Obwohl auch sein Repertoire vergleichsweise eingängige Stücke umfasst, wollte er sich nie an den Mainstream ranschmeißen wie es Genesis nach dem Ausstieg ihres Sängers Peter Gabriel für notwendig befanden. Anspruchsvoll auch seine Musik, seine Songtexte, aber nie elitär wie bei Robert Fripp und King Crimson. Trotz mehrfacher Auflösung und Reformierung schien es für Van der Graaf Generator noch keine Option, wie die Kollegen von Gentle Giant endgültig das Handtuch zu werfen. Sowohl die Band als auch Soloprojekte erleben zahlreiche Personalwechsel, dennoch ging offenbar nie jemand im Streit wie es bei Yes und Jon Anderson der Fall war. Mitglied bei Van der Graaf Generator sind wie in Gründertagen 1967 noch immer Organist Hugh Banton und Schlagzeuger Guy Evans. Die bandinterne Chemie stimmt eben, gab Peter Hammill bei einem Telefoninterview Anfang März zu Protokoll. Vom Wesen her seien sie sehr verschieden, genießen aber "die Gesellschaft der anderen. Wir fordern einander heraus, und so soll es doch sein oder?"

Van der Graaf Generator entstanden während deiner Studienzeit an der University Of Manchester, der Fachbereich nannte sich Liberal Studies In Science. Nach deinem eigenen Selbstverständnis, was bist du gewesen? Ein angehender Wissenschaftler, der die Rockmusik für sich entdeckt? Oder jemand, der eine Musikerkarriere anstrebt und zufällig irgendwas mit Wissenschaft studiert?
Ich denke, ich war sowohl als auch, ein Musiker, verbandelt mit der Wissenschaft. Der Studiengang Liberal Studies In Science sollte Akademiker heranziehen, die der Öffentlichkeit Wissenschaft vermitteln und umgekehrt. Ich war im zweiten Jahrgang, wir sind zu zwölft gewesen, der erste Jahrgang bestand aus sechs Studenten. In gewisser Weise bin ich im Sinne meines Professors wirksam geworden, ich brachte die Wissenschaft des Öfteren in meinen Songs unter.

Van der Graaf Generator sind nach einer Experimentiergerätschaft zur Erzeugung elektrischer Hochspannung benannt. Weil der amerikanische Erfinder Robert Jemison Van de Graaff gerade verstorben war, wie es bei Wikipedia nachzulesen ist?
Nein, Judge Smith, Mitglied einer noch früheren Besetzung, präsentierte eine Liste möglicher Bandnamen. Unter seinen Vorschlägen Van der Graaf Generator. Er wusste mit Sicherheit, worum es sich handelt. Ich wusste auf jeden Fall Bescheid. Wir entschieden uns für den Namen, weil das so ein umwerfendes Bild ergibt, dieser silberfarbene Turm mit der Kugel oben drauf, aus der elektrische Blitze züngeln. Außerdem wohnt den Worten ein gewisser Rhythmus inne, Van der Graaf Generator, da-da-da-da-da-da. In dem Namen steckte Musik, das hatte Vorrang vor allem anderen. Später erfuhren wir von seiner Familie, dass er über uns Bescheid wusste. Einer der Enkel hatte Großvater wohl etwas von uns vorgespielt.

Die musikalischen Strukturen bei Van der Graaf Generator sind in der Regel komplex. Warum? Wegen deiner Songtexte? Immerhin hattest du vor deinen ersten musikalischen Gehversuchen Gedichte geschrieben, an der Universität in Manchester dann sogar einen Literaturklub ins Leben gerufen?!
Richtig, ich schrieb Gedichte, als Teenager. Wie so viele meiner Altersgenossen fühlte ich mich unverstanden. Aber Gedichte und Songtexte sind zwei verschiedene Paar Schuhe, die Herangehensweise ist eine andere. Seit ich Songs schreibe, betrachte ich mich nur noch als Songschreiber, die Gedichte sind passé. Komplexer wurde die Musik wegen neuer Mitgliederzugänge. Sie brauchten Beschäftigung, damit sie bei der Stange bleiben. Daran hat sich nichts geändert, das Komplexe interessiert uns.

Neben Genesis, King Crimson, Gentle Giant oder Yes, sind Van der Graaf Generator nur eine Band von mehreren gewesen, deren Musik Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre komplexer wurde. Ihr fandet euch zusammengefasst unter dem Begriff Progressive Rock. Ist das ein Stiletikett in deinem Sinne gewesen?
Anfangs wurden wir einfach als Underground Music bezeichnet, erst später als Progressive Rock. Das Spektrum reichte von der Incredible String Band bis Black Sabbath. Dem Publikum musste irgendwie vermittelt werden, was für eine Musik das ist, um Neugier zu wecken. Es hat funktioniert, erst später bekam der Begriff einen negativen Beigeschmack. Aber wir bei Van der Graaf Generator wollten uns nie festlegen lassen. Niemand sollte sagen können, wir seien dieses oder jenes. Wir versuchten uns immer um eine Kategorisierung zu drücken.

War Progressive Rock das Ergebnis rein künstlerischer Entwicklungen? Oder resultierte das Phänomen eher aus einem bestimmten gesellschaftlichen Kontext?
Als es mit Van der Graaf Generator losging, war das britische Musikgeschäft überschaubar. Das spielte sich in drei, vier Querstraßen, in vier, fünf Pubs und Nachtclubs im Londoner Stadtteil Soho ab. Man lief sich ständig über den Weg. Es gab Schnittmengen, aber nicht in der Weise, dass irgendjemand den Eindruck gehabt hätte, wie befänden uns auf einer gemeinsamen Mission. Wir sind Konkurrenten gewesen.

Du erwähntest es selbst, mit der Zeit wurde Progressive Rock ein problematischer Stilbegriff. Mitte der siebziger Jahre, als Punkrock aufkam, um genau zu sein. Progressive Rock war das Lieblingshassobjekt der Punks. Erstaunlicherweise nannte Oberpunk John Lydon, als Johnny Rotton Sänger der Sex Pistols, dein Soloalbum "Nadir's Big Chance" als prägenden Einfluss. Konntest du ihn irgendwann selbst fragen, weshalb ihm die Scheibe so viel bedeutete?
Wir sind uns ein einziges Mal begegnet, nach einem Auftritt, was selten ein günstiger Moment ist. Außer ihm bekundeten auch andere Punkrocker ihre Sympathie für das Album. Ich vermute, wegen der Art wie die Songs wirken. Wir gingen keine Kompromisse ein. Etwas, das den Punk ebenfalls auszeichnete. 1975/76 musste der Progressive Rock manches wegstecken. Uns betraf das weniger. Punk war eher eine Unterstützung, seine Philosophie, dass jeder eine Band gründen konnte, egal ob das musikalische Handwerk beherrscht wurde. Wichtig an "Nadir's Big Chance" war, dass es in derselben Besetzung eingespielt wurde, wie "Godbluff", das erste Album der ersten Reunion von Van der Graaf Generator. Viel von der Energie in "Nadir's Big Chance" übertrug sich auf "Godbluff". Obwohl unsere Musik komplexer war, ist uns der Punk mit seiner räudigen Dreiakkordästhetik nicht fremd gewesen. Die Haltung entsprach der unseren sehr.

Ganz anders als die meisten deiner Musikerkollegen, die auf Nachfrage liebend gern preisgeben, wie ihre Songs gemeint sind, lehnst du Erläuterungen kategorisch ab. Welche Idee steckt dahinter?
Wenn ich meinen Job als Songschreiber gewissenhaft erledige, erschließt sich die Bedeutung aus den Songtexten selbst. Das ist meine Arbeitsweise. Ich entdecke ein Thema, das mich interessiert, scheibe einen Song dann aber über das, worüber ich mir im Unklaren bin. Meine Intention ist nicht, dem Hörer mitzuteilen, was ich denke. Ich bin mehr an den verschiedenen Aspekten eines Themas interessiert, die ich für mich abklären will. Und wenn ich zu dem Schluss komme, dass ein Song gelungen ist und ich ihn rausgeben kann, halte ich es für geboten, dem Hörer die Ausdeutung zu überlassen. Es gibt nicht die eine Sache, die ich vermitteln möchte. Was immer das Publikum in meine Songs hineinliest, geht in Ordnung. Jeder vollendete Song entwickelt sein Eigenleben. Meine Verantwortung ist es, ihn ziehen zu lassen. Ergibt das irgendwie Sinn?

Absolut!
Freut mich.

Manche deiner Hörer betreiben eine ausgesprochen intensive Auseinandersetzung mit deinen Songtexten, siehe die Buchpublikation "Shouting Down The Passage Of Time" von Dagmar Klein. Du kennst ihre Arbeit?
Natürlich.

Die Autorin konnte drei Schwerpunktthemen bei dir ausmachen, nämlich Raum, Zeit und Reisen. Trifft das zu?
Wenn es ein zentrales Thema geben sollte, dann ist es Zeit. Es geht aber auch um Glauben und Vertrauen. Oder Sterblichkeit, ein breites Spektrum.

Falls sich jemand eingehender mit deinen Texten beschäftigen möchte, was wäre solo oder mit Van der Graaf Generator der signifikanteste Song zu Raum, Zeit oder Reisen.
Raum und Zeit, da gehört unbedingt "Pioneers Over C" genannt, eine Science-Fiction-Story. Ebenso "Your Time Starts Now" oder "Aloft", beide jüngeren Datums. Mehr fällt mir leider nicht ein, bedauere. Mir sind nur Songs präsent, an denen ich arbeite.

Es lassen sich auch sozialkritische Songs entdecken wie "After The Flood", über die Gefahren eines atomaren Holocausts.
Richtig, meine Soloalben "The Future Now" und "pH7" enthalten ähnliche Stücke. Oder Van der Graaf Generators "Every Bloody Emperor", über das zweifelhafte Gebaren bestimmter Führerfiguren, heute aktueller denn je. Aber ich sehe mich nicht als politischen Songschreiber.

Auf den Brexit bist du bislang noch nicht eingegangen oder?
Nein, das ist ein zu entsetzliches Thema, als dass es sich in einen Song packen ließe. Wie sich eine ganze Nation so veräppeln lassen konnte, irre!

Dein jüngstes Album mit Van der Graaf Generator heißt "Do Not Disturb" und könnte das letzte mit der Band sein, wollte das Onlinemagazin Louder in Erfahrung gebracht haben?!
Möglich, aber schauen wir mal.

Also doch noch kein Ruhestand ins Auge gefasst?
Nein, wir spielen so lange es geht.

Überraschend wär es nicht, wenn wenigstens du dich zurückziehen würdest. 2003 hattest du einen Herzinfarkt, dein Soloalbum "Singularity" nimmt Bezug darauf.
Das war eine kritische Situation. Was danach kam, nehme ich mit Dankbarkeit als Zugabe.
Bernd Gürtler SAX 5/20

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