|   Rezension

Lee Scratch Perry

Rainford

(OnU/RTD)

Wenn Bob Marley der Botschafter des Reggae war, dem das Verdienst zufällt, jener jamaikanischen Populärmusikform Weltgeltung verschafft zu haben, dann war Lee Perry der Alchimist, der die Elemente ungewöhnlich miteinander zu verbinden wusste und einer aufregend neuen Klangästhetik zum Durchbruch verhalf, egal ob als Produzent oder ausübender Künstler. Mit "Rainford" erweitert der Dreiundachtzigjährige, bekannt auch als 'Scratch' oder wahlweise 'The Upsetter' sein beachtliches Gesamtwerk um ein weiteres grandioses, eigenes Album, das sein bislang persönlichstes ist.

Der Albumtitel geht zurück auf seinen bürgerlichen Vornamen, geboren wird er 1936 im ländlichen Nordwesten Jamaikas als Rainford Hugh Perry. Felsenfest davon überzeugt, dass die Plackerei auf den Plantagen seiner Heimatregion oder im Straßenbau eher nicht seine Bestimmung ist, versucht er sich als gewerbsmäßiger Dominospieler und Profitänzer, bevor er im Musikgeschäft der Hauptstadt Kingston Fuß fassen kann. Als Produzent betreut er die Maytals, die Heptones oder Delroy Wilson, später auch Bob Marley & The Wailers, Junior Marvin sowie Max Romeo. Einer seiner ersten eigenen Hits heißt "People Funny Boy", das dort hineingemischte Babygeschrei gilt als Vorwegnahme der Samplingtechnik. Stets auf künstlerische Freiheit bedacht, eröffnet Lee Perry 1973 ein eigenes Studio, das Black Art, wo er zum Geburtshelfer des Dub Reggae wird, indem er das Mischpult in Verbindung mit simplen Halleffekten als aktives Musikinstrument einsetzt. Heute sind es seine gelehrsamen Schüler, die ihn zumindest unterstützen, seine umwerfenden Soundkreationen zu erschaffen. Bei "Rainford" wurde erneut Adrian Sherwood hinzugezogen. Lee Perry seinerseits hat dem Alkohol abgeschworen, sogar das Kraut der Kräuter aufgegeben. Überwunden scheint der Madman, den er gab, um sich der Zudringlichkeit falscher Schmarotzerfreunde zu erwehren. Nach wie vor bekommt seine Hörerschaft exorzistische Beschwörungsformeln gegen das böse Babylon an die Hand, er lässt aber auch das Gute leuchten und erteilt Ratschläge für eine gesunde, vorzugsweise vegetarische Ernährung. Für einen kurzen Moment geistert Marcus Garvey durch die Kulisse, der Urheber jenes kämpferischen Panafrikanismus, der eng mit dem Reggae verknüpft war. Das finale "Autobiography Of The Upsetter" ist eine lose Aufzählung eigener Lebensstationen und Karrierehöhepunkte. Phantastische Scheibe jedenfalls, dasselbe Kaliber wie "Lord God Muzik", "From The Secret Laboratory", "Battle Of Armagideon (Millionaire Liquidator)". Oder der Klassiker natürlich, "Super Ape", der inzwischen mit "Roast Fish, Collied Weed & Cornbread" sowie "Return Of Super Ape" zuzüglich Bonustracks als Doppel-CD vorliegt. Empfehlenswerte Werkschaukopplungen sind "Arkology" (1997, Island) sowie "The Best Of Lee Perry" (2016, Trojan).

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