|   Rezension

Josh Ritter

Fever Breaks

(Alive)

Das entscheidende Aha-Erlebnis beschert Song Nummer sieben, "All Some Kind Of Dream". Die naheliegende Vermutung nach den Eröffnungszeilen "I saw my brother in a stranger's face/I saw my sister in a smile" bestätigt sich, wenn es kurz darauf heißt, "I saw my country in the hungry eyes/Of a million refugees/Between the rocks and the rising tide/As they were tossed across the sea/There was a time when we were them/Was there a time when we took them in?/Or was it all some kind of dream?"

Richtig, angesichts der Flüchtlingsdramen vor der eigenen Haustür und weltweit, erinnert ein gebürtiger Amerikaner sich und seine Fellow Citizens an die Emigrationsgeschichte der eigenen Familien. Spätestens jetzt entwickelt der Hörer eine Vorstellung, worum es geht auf "Fever Breaks" und was den Künstler generell so umtreibt. Regelmäßig in Schwierigkeiten gebracht hätte es ihn, sobald er darauf aus gewesen sei, Antworten zu finden, denn Antworten sind trügerisch, gestand Josh Ritter 2017 dem amerikanischen National Public Radio. Nichtsdestotrotz stelle er sich immerzu die Frage, "what America is and what it stands for, and what we each can do as Americans to make things better". Als das US-Musikmagazin Rolling Stone in der Endfertigungsphase von "Fever Breaks" zufälligerweise am Tag der Midterm Elections 2018 im Studio vorbeischaute, war Albumproduzent Jason Isbell dabei, mit Barack Obamas ehemaliger Kommunikationschefin Jennifer Palmieri intensiv Twitternachrichten auszutauschen und seine eigene Gefolgschaft über den aktuellen Auszählungsstand auf dem Laufenden zu halten. Während Josh Ritter sehr gern wissen ließ, dass "Some Kind Of Dream" sowie "The Torch Committee" unbedingt politische Wortmeldungen seien. Unter dem Eindruck der gegenwärtigen Gesellschaftskrise stünden auch die übrigen Songs, darunter das einigermaßen krude "Ground Don't Want Me", der gespenstische Neil-Young-Rocker "Old Black Magic", die putzige Beziehungsballade "I Still Love You (Now And Then)" mit der charmanten Zeile "I wish for you the very best/You always were the best of us". Oder "Silverblade", ursprünglich geschrieben für Joan Baez im Stil alter, amerikanischer Folktales über ein abscheuliches Sexualverbrechen. Produzent Jason Isbell gehört neben Sturgill Simpson und Margo Price zur Nonkonformistenfraktion in Nashville, die sich eine eigene Meinung leistet und hartnäckig weigert, Countrykonfektion abzuliefern. Als Studiobegleitformation verpflichtete er seine eigene Band, die 400 Unit. Dort ebenso Mitglied Ehefrau Amanda Shires, die in Josh Ritter einen Bruder im Geiste fand und zu "Fever Breaks" die markante Violine beisteuert. Geschichtsaffines Publikum dürfte interessieren, dass die Scheibe im RCA-Studio Nashville entstand, berühmt durch Einspieltermine mit Elvis Presley, Bob Dylan, Paul Simon oder Roy Orbison. Nacharbeiten wurden in den Sound Emporium Studios absolviert, dereinst errichtet durch Sun-Records-Azubi Jack Clement.

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