|   Rezension

Iggy Pop

Free

(Caroline)

Traue keinem rüstigen Rockrentner, der behauptet jetzt sei Schicht im Schacht. "Post Pop Depression" sollte sein letztes Studioalbum sein, hieß es 2016 eigentlich. Nachvollziehbar sogar, denn dem britischen Mojo Magazine berichtete Iggy Pop damals von massiven Gelenkschmerzen und einer Wirbelsäulenverkrümmung, zugezogen durch lebenslange Ausübung des räudigen Rock'n'Roll in Verbindung mit einer Bühnenperformance, bei der sich der Künstler nicht geschont hat. Aber anstatt die Altersruhe zu genießen, organisiert sich der Zweiundsiebzigjährige einen furiosen Abgang auf Raten. Vorerst mit einem weiteren Studioalbum.

Wie das "China Girl" im Video zu David Bowies Version des Songs entsteigt auf dem Frontcover eine Gestalt den ozeanischen Tiefen, in welche abzutauchen sich Iggy Pop bereits mit "I Wanna Go To The Beach" vorgenommen hatte, wo es hieß "I wanna go to the deep/Cause there's nowhere I want to be/And nobody I want to see". Die Alben, von denen die beiden Songs stammen heißen "The Idiot" sowie "Préliminaires", sind 1977 beziehungsweise 2009 erschienen und korrespondieren mit "Post Pop Depression", weil sie sich vom Rest des vorläufigen Gesamtwerks deutlich unterscheiden. Ähnlich jetzt "Free", bloß wurden hierfür weder wie seinerzeit im Westberlin der Mittsiebzigerjahre unvergängliche Songklassiker geschaffen, noch weitere Ausflüge in die Geschichte des Jazz von New Orleans unternommen, keine französischen Chansons bemüht oder träge Rockstrukturen zu klaustrophobischen Gewitterdüsterwolken geformt.

Seine jüngste Studioeinspielung kündet von der Erleichterung, jegliche Businessverpflichtung losgeworden zu sein, nachdem die allerletzten Konzerttermine der "Post Pop Depression"-Tour absolviert waren. "I wanted to be free", lässt Iggy Pop in einer knappen Pressemeldung verlauten. Sehr wohl wissend, dass Freiheit höchstens ein Bewusstseinszustand ist, "something you feel", übertragbar vielleicht auf ein musikalisches Konzept.

Genau das wurde versucht. Sein Anspruch sei es gewesen, verrät ein Covertext auf der Albumrückseite, "to recoil from guitar riffs in favor of guitarscapes, from twangs in favor of horns, from backbeat in favor of space." Geeignete Mitstreiter fanden sich in Sarah Lipstate aka Noveller sowie Jazztrompeter Leron Thomas. Beide verstanden es hervorragend, einen teils elektronischen, an die kürzliche Zusammenarbeit mit Underworld angelehnten Klangrahmen zu setzen. Weit weg vom klassischen Rockbandkonzept und weit genug, dass Gelegenheit zum Durchatmen entstand und Raum für Dichtkunst von Kollegen. Neben eigenen Songtexten präsentiert Iggy Pop Poesie von Lou Reed, Don Flemming und an vorletzter Stelle mehr rezitiert als gesungen, "Do Not Go Gentle Into That Good Night", ein Wutgedicht von Dylan Thomas auf die Vergänglichkeit des Lebens bei gleichzeitiger Erkenntnis, dass die Weisheiten der weisesten Männer der Welt rein gar keine Erleuchtung bringen. Zorn als Letztes, das am Ende bleibt. Was für ein Statement!
Bernd Gürtler/TM

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