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Gut aufgehoben

Mit seinen Compilations "Saigon Supersound Volume One & Two" bewahrt Schallplattenproduzent Jan Hagenkötter aus Frankfurt/Main südvietnamesische Populärmusik der Jahre 1965-1975 vor dem unwiederbringlichen Verlust.

Als im April 1975 der letzte Luftwaffenhelikopter vom Dach des US-Botschaftsgebäudes in Saigon abhob und tags darauf Südvietnams Kapitale von Truppen der nordvietnamesischen Volksarmee eingenommen wurde, war das Schicksal einer südvietnamesischen Populärmusikepoche besiegelt. Ein furchtbarer Krieg beendet, gleichzeitig verschwand ein kulturelles Segment, von dem Außenstehende gar nicht dachten, dass es sich überhaupt herausbilden konnte. Aber der weltweite Siegeszug von Rock'n'Roll, Beat und Soul blieb in Südvietnam keineswegs unbemerkt.

Foto: Fred Wissink

Bloß wurden die angloamerikanischen Einflüsse anders verarbeitet als bei den asiatischen Nachbarn Thailand, Malaysia oder Indonesien. "In der vietnamesischen Musik ist der Gesang sehr wichtig. Man merkt das an der Abmischung, die Stimme ist in den Vordergrund gerückt, die Instrumente treten dahinter zurück", weiß Schallplattenproduzent Jan Hagenkötter aus Frankfurt/Main zu berichten und auch, dass die Einspielungen aus der Zeit 1965-1975, die er auf seinen beiden Compilations ausschnittweise präsentiert, für den südvietnamesischen Binnenmarkt angefertigt wurden, nicht zum Vergnügen der im Land stationierten US-Soldaten.

Mit dem Sieg des sozialistischen Nordvietnams über den imperialistischen Süden, galten die Protagonisten südvietnamesischer Populärmusik plötzlich als suspekt und wurden vielfach mit Berufsverbot belegt. Teils aus naheliegenden Gründen vielleicht. Das "Ðoàn Nguòi Lu Thú" des Sängergespanns Thanh Thúy, Vân Thanh, Hoàng Liêm & Thanh Mai beispielsweise bezieht sich auf die nach Vietnams Teilung 1954 durchgeführte "Operation Passage To Freedom", bei der Nordvietnamesen massenhaft in den Süden emigriert sind.

Kurioser wirkt der ideologische Generalverdacht bei Khánh Ly. Als junge Frau tingelte sie ab 1967 durch Cafés und Klubs in Saigon und sang Lieder gegen den Krieg. Ihr "Diêm Xua" nutzt einen trüben Dauerregentag als Metapher für die sich verdüsternde Seele im Angesicht der Kriegsgreul. Geschrieben wurden ihr die Songs zumeist von Trinh Công Son, einem ebenfalls entschiedenen Kriegsgegner, bekannt auch als Bob Dylan Südvietnams. 1975 emigriert Khánh Ly wie Heerscharen ihrer Landsleute in die USA und startet eine internationale Superstarkarriere als Sängerin und Schauspielerin. Trinh Công Son bleibt in Vietnam und kommt ins Umerziehungslager. 2001 stirbt er zweiundsechzigjährig, geschätzt als bedeutender Songpoet.

Eröffnet wird Volume One von "Saigon Supersound" mit "Tình Ta Nhu Lua Ðom Hoa" und Volume Two mit "Sài Gòn", einer Liebeserklärung an Saigon, das eine wie das andere gesungen von Carol Kim. Auch sie geht 1975 in die USA, zieht auf Umwegen nach Los Angeles, wo sie von der vietnamesischen Community als Barbara Streisand Vietnams verehrt wird. Ihre Tochter versucht sich unter dem Künstlerpseudonym Trace an einer eigenen Singer/Songwriter-Karriere.

Die Originalaufnahmen der späten sechziger und frühen siebziger Jahre von südvietnamesischen Populärmusikberühmtheiten sind heute praktisch nicht mehr existent. "Die Studios wurden enteignet und zerstört, die Masterbänder vernichtet", beklagt Jan Hagenkötter. Wenn es nicht gelingt, auf Flohmärkten oder bei Sammlern alte Vinylsingles aufzutreiben, ist die Musik unwiederbringlich verloren. Fast immer befinden sich die Tonträger in einem erbärmlichen Zustand, weshalb es sich erforderlich macht, von ein und demselben Song mehrere Tonträgerexemplare zu beschaffen, um die Stücke aus den besten Passagen in einem aufwändigen Restaurierungsverfahren wiederherzustellen. Weshalb sich Jan Hagenkötter der Mühe unterzieht? "Das hat familiäre Gründe. Meine Frau ist gebürtige Vietnamesin, wir haben uns in Deutschland kennengelernt. Wir leben seit 2011/12 für gewisse Zeiten immer in ihrem Geburtsland, und ich will, dass unsere Kinder etwas von ihrer Geschichte mitbekommen."

Behindert wurde er von offiziellen vietnamesischen Stellen bislang nicht, aber auch nicht unterstützt. Zu groß die Furcht, unliebsame Erinnerungen könnten zurückkehren. Dabei wären die Songs von damals unschätzbare Zeitdokumente südvietnamesischer Lebensweise, zumal Jan Hagenkötter äußerst sorgsam zu Werke geht. Kein belustigtes Zurschaustellen wie bei anderen 60er/70er-Jahre-Compilations mit angloamerikanisch beeinflusster Populärmusik jenseits der Ursprungsländer USA und Großbritannien. Selbst bei Elvis Phuong nicht. Der junge Mann, der seine fanatische Begeisterung für den King Of Rock'n'Roll nur unschwer verbergen kann, wird auf "Saigon Supersound" mit "Loan Mât Nhung" aus dem Jahr 1970 präsentiert. Einer zweifellos eigenwilligen Aufnahme, die dennoch davon zeugt, dass der Umgang mit Fuzzgitarre, elektroakustischen Keyboards, Bongos und Saxophon sehr wohl beherrscht wurde. Unter anderem auch noch zu entdecken gibt es Thanh Lan, deren "Tình Ðêm Liên Hoan" ebenfalls von der Sehnsucht nach Frieden inmitten des grausigen Krieges kündet. Oder den singenden Filmschauspieler Hùng Cuòng im Duett mit seiner Leinwandkollegin Mai Lê Huyên. Oder Kim Loan, einer Vertreterin der Southern Vietnamese Folk Opera, die bereits 1969 nach Westdeutschland emigrierte und heute als Mutter zweier erwachsener Söhne in Köln lebt.
Bernd Gürtler/TM

Various: Saigon Supersound Volume One & Two (Saigon Supersound; 2017/2018)