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Eric Bibb: Geschichtenerzähler in Zeiten der Globalisierung

Nicht nur, dass Eric Bibb jemanden verkörpert, der es ohne jede Einschränkung verdient, als weltgewandt bezeichnet zu werden. Bei seiner Biographie erfüllt er sogar die Kriterien eines Geschichtenerzählers, der buchstäblich in der Welt zu Hause ist. Global Griot (DixieFrog) heißt sein phantastisches neues Album.

Foto: Keith Perry
Foto: Patrick Canigher
Foto: Patricia de Gorostarzu
Foto: Patricia de Gorostarzu

Die Voraussetzungen sind günstig. Als Eric Bibb 1951 in New York geboren wird, ist Vater Leon Bibb ein vielbeschäftigter Broadwaysänger mit Collegeabschluss, der sich anschickt, Schallplatten für das amerikanische Folklabel Vanguard aufzunehmen und bei NBC eine eigene Fernsehtalkshow bekommt. Ein Onkel, John Lewis sein Name, gehört dem Modern Jazz Quartett als Pianist an. Zum Freundeskreis der Familie zählt neben Odetta, Josh White oder Pete Seeger Eric Bibbs absolutes Übervorbild Paul Robeson, der wegen offener Sympathien für die Sowjetunion und den Kommunismus durch McCarthys Gesinnungsschnüffelei arg in Bedrängnis gerät. Ähnlich Robeson wird Bibb Senior 1964 zu einer mehrwöchigen Konzertreise ins sowjetische Riesenreich eingeladen, die Familie darf mit. Stationen sind unter anderem Moskau, Leningrad und Jalta auf der Halbinsel Krim. Eric Bibb schwärmt bis heute.

Als ob das noch nicht genug wäre, macht er auf einer Party, die sein alter Herr für Künstlerfreunde arrangiert, die Bekanntschaft von Bob Dylan. Er stellt sich ihm als vielversprechendes Gitarrentalent vor und bekommt einen guten Rat auf den Weg mit. "Keep it simple, forget all that fancy stuff", empfiehlt Dylan. Wenn nicht alles täuscht, war das nicht in den Wind gesprochen. Übertrieben 'fancy' wirken weder sein Gitarrenspiel noch seine Songs.

Das Debütalbum Ain't That Grand entsteht 1972 in Schweden und erscheint bei einem schwedischen Label. Auf der Rückreise von ihrem Sowjetunionabenteuer hatten die Bibbs einen dreitägigen Zwischenstopp in Stockholm eingelegt. Fabelhafte Stadt, fand Eric Bibb. Sieben Jahre später kehrt er zurück. Von kurzen Unterbrechungen abgesehen ist die schwedische Kapitale sein Lebensmittelpunkt geblieben.

Der internationale Durchbruch gelingt 1996 beim London Blues Festival. Dennoch ist und bleibt er höchstens insofern ein Bluesartist, als dass er die Stilistik in einer Vielfalt vorträgt wie sie bestanden hat, bevor weiße Produzenten ihrer habhaft wurden, um dem Publikum nur noch winzige Ausschnitte vorzusetzen. Selbst wenn wie bei Booker's Guitar der Albumtitel auf Blueskoryphäe Bukka White verweist oder wie im Fall Deeper In The Well die Albumeinspielung mit Cajun/Zydeco-Musikern in Louisiana stattfindet, wird jeweils das gesamte Spektrum amerikanischer Roots Music mobilisiert.

Mit dem Ende Oktober 2018 erschienene Global Griot gelingt der nächste große Wurf. Unter Berufung auf die westafrikanischen Griots, die ebenso Geschichtenerzähler wie Bewahrer kollektiver Erinnerung sind, spannt das Album den Bogen von der Gegenwart in die Vergangenheit und rund um den Globus. Was die Menschen früher bewegt hat, beschäftigt sie noch heute, bloß anders und wie sich zeigt weltweit. Big Bill Broonzys "Black Brown & White", in den Neunzehnhundertdreißigern entstanden, beschreibt den Alltagsrassismus gegen Schwarze in den USA damals, passt aber genauso auf Flüchtlings- und Integrationsdebatten der europäischen Gegenwart. "Race And Equality" wiederum beschreibt, wie sich mit Ausgrenzung umgehen lässt, egal ob in Deutschland, Frankreich oder Ungarn. "Wherza Money At" meint zwar die korrupte Politikerkaste Afrikas, ist aber ebenso von universeller Qualität. Verwoben sind die insgesamt vierundzwanzig Songs wie nie zuvor mit nigerianischen Highlife-Anklängen, Cora-Sounds aus Mali, Reggae aus Jamaika oder schrägen P-Funk-Verweisen Richtung Parliament/Funkadelic. Grandios, die Scheibe!

Wenig überraschend, ist auch Donald Trump ein Thema. "What's He Gonna Say" beklagt, dass amerikanische Präsidenten als einzige Qualifikation für ihr Amt nur noch Berühmtheit mitbringen müssen. "Zumindest in den USA", erzählt Eric Bibb, "schuf sich die Bevölkerung größtenteils eine Parallelwelt, die nichts mit der Realität zu tun hat. Wer sich dem tagtäglichen Einfluss bestimmter Fernsehsender aussetzt, konnte wirklich denken, dass Trump die beste Wahl ist. Erschreckend!"
Bernd Gürtler Folker 5/18