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Die Kliffs, zwei Kanadier aus Berlin: Kristina Koropecki und Mark Bérubé mit ihrem Duoprojekt

"Das war unproblematischer in den Sechzigern", erläutert Mark Bérubé und schaut aus dem Fenster seiner Wohnung im vierten Stock eines Berliner Mietshauses direkt gegenüber dem Ostbahnhof auf der anderen Seite der Spree. Bis Herbst 1989 ist das hier Zonenrandgebiet gewesen beziehungsweise im Ostteil der Stadt der Todesstreifen. Heute herrscht wie vielerorts in der bundesdeutschen Kapitale rege Bautätigkeit, während die Mieten in den Altbeständen derart rasant steigen, dass es mittlerweile massenhaft zu Bürgerprotesten kommt. Mark Bérubé, seine Lebensgefährtin und die beiden Kinder sind ebenfalls betroffen.

Foto: PR

Dennoch wäre es für ihn als Kanadier keine Option gewesen, es Neil Young, Leonard Cohen oder Joni Mitchell gleichzutun und in die USA auszuwandern. Als die berühmten Vorreiter Anfang der sechziger Jahre zum Nachbarn Richtung Süden aufbrachen, wurde "an der Grenze mehr oder weniger einfach durchgewunken. Oft gab es gar keine richtigen Grenzposten, höchstens Hinweisschilder, dass man sich jetzt auf dem Territorium der Vereinigten Staaten befindet. Nach 9/11 hat sich das grundlegend gewandelt, die Grenzen wurden dichtgemacht. Arbeitsvisa kosten inzwischen 1500$!" Wenig einladend, und da nach mehreren Europatourneen bereits vielfältige Kontakte bestanden, wurde nicht lange überlegt.

Ohnehin sind gravierende Lebensmittelpunktverschiebungen nichts Neues für Mark Bérubé. Geboren in Manitoba, dem Sibirien Kanadas, ergriff der Vater, Mitglied des akademischen Lehrkörpers der University Of Manitoba in den Achtzigern ein Jobangebot an einer Partneruniversität in Swasiland. Mark war damals sechs Jahre alt und das Zwergkönigreich zwischen Südafrika und Mosambik ein Tummelplatz für Investoren, die wegen des Apartheidboykotts nicht direkt in Südafrika in Erscheinung treten konnten. Eine aufregende Kindheit sei das gewesen, in gewisser Weise sogar prägend für sein späteres Musikschaffen. Weniger stilistisch, Mark Bérubé wüsste nicht, wann er jemals afrikanische Musikelemente verwendet hätte. Was den emotionalen Gehalt angeht, will er Gemeinsamkeiten jedoch gern eingestehen. "Mein Vater hörte Hugh Masekela, Miriam Makeba, Ladysmith Black Mambazu. Durch sie bin ich mit dem Gedanken vertraut, dass etwas Hoffungsvolles, Schönes oder ein Trinklied politische Untertöne haben kann. Nicht wie im Reggae, wo einem eingebläut wird, was man zu tun oder zu lassen hat. Man kann sich vielschichtiger ausdrücken."

Zurück in Kanada, verschlägt es ihn als jungen Erwachsenen über Vancouver nach Montreal, wo er seiner musikalischen Mitstreiterin Kristina Koropecki begegnet. 2014 zogen die beiden nach Berlin, und sofern Kristina nicht Agnes Obel als Cellistin auf Tournee begleitet oder bei der Hauptstadtformation Yippie Yeah aushilft, gilt ihre ganze gemeinsame Aufmerksamkeit den Kliffs. Eine echte Partnerschaft ihr Duo, versichert Mark Bérubé. "Wir arbeiten seit sieben, acht Jahren zusammen, zuerst im Rahmen meiner Soloprojekte. Daraus ist ein gegenseitiger Respekt, ein Vertrauen erwachsen, wie es selten vorkommt und essentiell ist für mein Selbstverständnis als Künstler. Das geht weit über die Songs, die Musik hinaus. Kristina sieht Dinge, die mir entgehen, und sie benennt das auf eine Art, die mich insgeheim manchmal zornig macht, aber abwägen lässt, ob sie nicht vielleicht doch Recht hat. Weil sie mit ihren Einwänden zuvor meistens richtig lag. Man braucht so jemanden, der einen herausfordert. Wir ergänzen uns hervorragend."

Was einem die Anfang April 2019 veröffentlichte und schlicht "Kliffs" (K&F) benannte Debüt-EP umgehend bestätigen wird. Dieser Sound ist in der Tat sehr eigen und profitiert mindestens ebenso von Kristina Koropeckis klassischer Musikausbildung wie dem Einsatz eines putzigen neuen Musikinstruments, das sich Organelle nennt und ein über eine Knopfleiste wie beim Akkordeon gespielter Minisynthesizer ist, der sich entweder als Drumcomputer oder zur Sounderzeugung nutzen lässt. Und bereits beim ersten Hören dürfte sich eine markante Songtextzeile ins Gedächtnis prägen. "When you find yourself in the spotlight outside of cool", heißt es in Song Nummer vier "Outside Of Cool V1". Leider wollte Mark Bérubé nicht preisgeben, wie das gemeint ist. Er findet, jeder Erklärungsversuch würde die Magie zerstören. Erschienen ist die Debüt-EP jedenfalls bei K&F Records, die Bühne teilen werden sich die Kliffs mit bergen, einer anderen K&F-Band, von der es leider noch keine aktuelle Tonträgerveröffentlichung zu vermelden gibt.
Bernd Gürtler
(SAX 5/19)

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