|   Rezension

CocoRosie

Put The Shine On

(Marathon Artists)

Schwestern teilen alles und sei es eine Kindheit, die geeignet gewesen wäre, daran zu verzweifeln, bei Sierra und Bianca Casady jedoch kreative Energie im Übermaß freisetzen sollte. Nichts was das Geschwisterduo hinter CocoRosie nicht ausprobiert hätte! Malerei, Kunstinstallationen, Modedesign; mehrere Filmsoundtracks schlagen ebenso zu Buche wie Theaterproduktionen in Berlin oder Moskau. Schön, dass sich dennoch eine Lücke fand für "Put The Shine On", veröffentlicht fünf Jahre nach CocoRosies Vorgängeralbum "Heartache City" und vier Jahre nach Bianca Casadys Soloprojekt "Oscar Hooks".

Christine Chalmers, die 2017 verstorbene, aus Iowa stammende Mutter der beiden, konnte sowohl auf indianische als auch syrische Vorfahren verweisen, stand als Lehrkraft im Dienst der Ideen von Rudolf Steiner und trat selbst als Künstlerin in Erscheinung. Ihren Töchtern bescherte sie eine endlose Abfolge von Umzügen zwischen Hawaii und verschiedenen Orten in Kalifornien, New Mexico beziehungsweise Arizona. Und was tun Kinder, wenn sie genötigt sind, sich ständig auf ein neues Umfeld einlassen zu müssen? Im günstigsten Fall erschaffen sie ihre eigene hermetische Welt als Bollwerk gegen das unstete Draußen. Sierra und Bianca, von ihrer Mutter Coco und Rosie gerufen, erfinden Geschichten. Kleine Tagträumereien, bei denen sie sich die Erzählbausteine gegenseitig zuwerfen. Noch heute funktionieren ihre Songs nach demselben Muster. Die eindeutig klassisch trainierte Stimme, das ist Sierra, die ältere; sie hat in Paris Operngesang studiert. Bianca steuert, wie sich The Guardian ausdrückt, ihren "bratty bohemian rap" bei.

Das Themenspektrum ist alles andere als naiver Kinderkram, erschließt sich in der Regel aber selten auf Anhieb. Hauptsächlich durch sachdienliche Hinweise der Urheberinnen weiß man, dass es in der Vergangenheit um eine kritische Auseinandersetzung mit der Konsumgesellschaft ging, um spirituelle Erfüllung, Umweltprobleme, den Krieg im Irak. "Lamb & The Wolf" von "Put The Shine On" handelt von "paranoia and how society participates in destroying the fragile ones, the wise ones", konnte das amerikanische Onlinemagazin Fader in Erfahrung bringen. Ähnliches ließe sich vermutlich über "Smash My Head" sagen, der Videoclip könnte eindeutiger kaum sein. "Restless" versteht sich als Hommage an die Mutter, wobei ihre in der Songüberschrift benannte Ruhelosigkeit durch die Rollschuhmetapher im Video eine adäquate Umsetzung erfährt.

Die Kinderinstrumente und Küchengeräte des Debütalbums "La maison de mon rêve" sind inzwischen Geschichte. HipHop-Elemente, schon länger latent vorhanden, treten stärker hervor, beflügelt durch einen, der sich auf jene Stilistik bestens versteht. Entstanden ist "Put The Shine On" mit Unterstützung von Chance The Rapper.
Bernd Gürtler/TM

Video/Musik
"Smash My Head"
"Restless"
 

Neue Beiträge

Neue Rezensionen