|   Rezension

Bonnie "Prince" Billy, Bryce Dessner, Eighth Blackbird

When We Are Inhuman

(37d03d/Cargo)

Will Oldham betreibt ein kurioses Rollenspiel mit verschiedenen Alter Egos. Der bärtige Zausel aus Kentucky nennt das "sein eigenes Publikum sein". Aber egal ob als Palace Brothers, Palace Music, Little Willy Bulgakov oder Bonnie "Prince" Billy, lange her ein neues Album, das rundum begeistern konnte. "When We Are Inhuman" bringt die Kehrtwende, ganz sicher. In Begleitung kompetenter Mitstreiter erschließt die Scheibe Bereiche der Neuen Musik. Ein Geniestreich mit anderen Worten. Als sei Moondog bei den "Basement Tapes" von Bob Dylan & The Band eingebunden gewesen!

Die Tradition, aus der Will Oldham meistenteils schöpft, ist dieselbe, die sich in der verdienstvollen "Anthology Of American Folk Music" von Harry Smith manifestiert. Einer Songsammlung aus dem, wie Rockschreiber Greil Marcus sich ausdrückt, unheimlichen Amerika der Vorväter, deren teils verstörende Gruselgeschichten nach wie vor im Unterbewusstsein der Nation herumspuken. Und sich Bahn brachen als Bob Dylan 1967/68 im zum Tonstudioprovisorium hergerichteten Kellerraum des Wohndomizils von The Band in Woodstock, New York, eigentlich bloß ein paar Demoeinspielungen erledigen wollte.

Entweder covert Will Oldham Songs dieser Überlieferung, siehe die beiden Meuchelmordballaden "Down In The Willow Garden" sowie "Banks Of Red Roses". Oder er schreibt eigenes, ähnliches Material, das kaum weniger gespenstisch wirkt, selbst dann, wenn es wie in "One With The Birds" um die schmerzhafte und irgendwann dann unerträgliche Sprachlosigkeit in einer Partnerbeziehung von heute geht. Zusammen mit drei weiteren Will-Oldham-Originalsongs liegen "Down In The Willow Garden", "Banks Of Red Roses" und "One With The Birds" auf "When We Are Inhuman" als Neueinspielungen vor, wobei der Albumtitel dem Refrain von "One With The Birds" entlehnt ist. Auf jegliche Folkanklänge wurde verzichtet. Bryce Dessner, eher wohl als Mitglied von The National ein Begriff, arrangiert im Stil der Minimal Music. Aber eben nicht nur eingestreut als Facette sondern durchgehend von Anfang bis Ende. Brillante Idee, zweifellos!

"Underneath The Floorboards" ist eine von Bryce Dessners eigenen Murder Ballads, inspiriert durch eine Kooperation mit Sufjan Stevens, der 2005 auf seinem Album "Illinois" den Serienkiller John Wayne Gacy Jr. porträtierte. Geschrieben das Stück ursprünglich für Eighth Blackbird, ein namhaftes Ensemble für Neue Musik aus Chicago, das auf "When We Are Inhuman" die orchestrale Umsetzung besorgt.

Der Katalysator, der archaischen Folk und Neuer Musik elegant verschmelzen lässt, ist freilich nicht Moondog, der "Viking Of 6th Avenue" von New York. Sondern Julius Eastman, ein amerikanischer Minimal-Komponist schwarzer Hautfarbe und bekennender Homosexueller, der 1990 vergessen und verarmt starb, soeben aber ein Revival erlebt. Sein "Stay On It" aus dem Jahr 1973 stützt sich auf Populärmusikmelodien und verlieh der Minimal Music Groove, heißt es. Für "When We Are Inhuman" wurde das Stück ebenfalls neu eingespielt. Zustande kam der ungewöhnliche Brückenschlag über Genregrenzen hinweg auf Betreiben des MusicNOW-Festivals in Cincinnati. Sollte Will Oldham wenigstens vorübergehend die eingeschlagene Richtung beibehalten, könnte es wieder spannend werden und überflüssige Coveralben wie "Wolf Of The Cosmos", "Best Troubador" oder "What The Brothers Sang" vergessen macht. Hoffen wir das Beste.
Bernd Gürtler/TM

Musik
"Beast For Thee"

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