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Back To The Garden: Woodstock zum Lesen

Woodstock! Woodstock! Woodstock! Zum Jubiläum tönt es aus sämtlichen Medienkanälen. Fernsehen, Radio, Printerzeugnisse, überall sind die berühmten Tage im August 1969 präsent. Was tun, um bei der Überfülle an Information die Orientierung nicht zu verlieren? Am besten sich auf das Wesentliche konzentrieren, und das sind in diesem Fall drei Buchpublikationen. Ganz oben auf der Liste, "Woodstock: Die wahre Geschichte", aufgeschrieben vom Cheforganisator Michael Lang persönlich. Das reine Lesevergnügen und informativ bis zum Abwinken!

Grace Slick/Foto: Henry Diltz
Sly Stone/Foto: Henry Diltz
David Crosby/Foto: Henry Diltz

Wie heißt es so schön? Wer sich an die glorreichen Sixties erinnert, ist nicht dabei gewesen. Michael Lang war dabei und erinnert sich bestens. Zum Glück für die Nachwelt holt er etwas weiter aus, erzählt wie er, aufgewachsen in Brooklyn als Kind die Sommerferien häufig Upstate New York in den Catskill Mountains verbrachte, nach seinem Finanzdebakel mit dem Miami Pop Festival dorthin zurückgekehrt ist, sich mit seiner Lebensgefährtin in der traditionsreichen Künstlerkolonie Woodstock niederließ und die Kleinstadtidylle zwischen Einheimischen und Musikergrößen wie Bob Dylan oder The Band genoss, fernab des Großstadtmolochs New York City. Sein Festival sollte diese Erfahrung einem breiten Publikum näherbringen. Weshalb es völlig legitim ist, von einem Woodstock-Festival zu sprechen, selbst wenn der Austragungsort schlussendlich Bethel hieß.

Zirka zwei Drittel seines Buches verwendet Michael Lang auf solche Details aus dem Vorfeld der Veranstaltung. Die wichtigsten seiner Mitstreiter werden vorgestellt, es wird offen über Finanzen geredet. Wir erfahren, dass sie sich das Farmgelände von Max Yasgur erst knapp vier Wochen vor dem Festivaltermin endgültig sichern konnten und wie sehr sich ihr Vertragspartner im Gemeinderat von Bethel für sie eingesetzt hat. Ohne Max Yasgur wäre das Festival gescheitert. Zwischen den Zeilen lässt Michael Lang später durchblicken, dass er es gar nicht schlimm fand, dass sich weder die Beatles noch die Rolling Stones, Led Zeppelin oder die Doors verpflichten ließen. Es ist dann wenigstens niemand aufgetreten, der alle anderen Künstler überstrahlt hätte. Ein aufschlussreicher Blick hinter die Kulissen sein "Woodstock: Die wahre Geschichte" jedenfalls.

Während Mike Evans und Paul Kingsbury mit ihrem "Woodstock: Chronik eines legendären Festivals" als Außenstehende auf das Ereignis schauen, aber ein kaum weniger spannendes Buch vorlegen. Die beiden Autoren widmen sich ausführlich den amerikanischen Musikfestivals und ihrer Geschichte, von New Port Jazz, New Port Folk, Monterey Pop bis Miami Pop und Atlanta. Das gesellschaftliche Umfeld wird beleuchtet, der Krieg der USA in Vietnam, der Parteikonvent der Demokraten 1968 in Chicago, die politischen Morde an Martin Luther King und Robert Kennedy. Dazu gibt es Interviews mit beteiligten Künstlern und Unmengen von Bildmaterial. Und wer nicht 2009 durch die Website Chron.com oder dann 2015 durch einen Artikel im britischen The Guardian darauf gestoßen war, erfährt es aus "Woodstock: Chronik eines legendären Festivals": Die beiden in ihrer Steppdecke auf dem Frontcover von "Woodstock: Music From The Original Soundtrack And More", das sind Bobbi Kelly and Nick Ercoline. Sie heiraten zwei Jahre nach Woodstock und sind wohl noch immer ein Paar.

Das dritte empfehlenswerte Buch ist "Woodstock '69" des westdeutschen Musikjournalisten Frank Schäfer. Er sieht in dem Festival jenen Moment als die Ideale der Hippies ihre Unschuld verloren, als endgültig klar wurde, wieviel Geld in der Jugendkultur steckt, die Finanzinvestoren auf den Plan traten, darin geübt aus Geld bloß noch mehr Geld zu machen, so dass die Nachfolgefestivals auf der Isle Of Wight und in Altamont zwangsläufig im Chaos versinken mussten. Sein bisweilen lakonischer Ton wirkt erfrischend gegenüber dem teilweisen Überschwang der amerikanischen Autoren.

Und dennoch, so diskreditiert die Idee von Love & Peace auch sein mag, was wäre die Welt ohne Utopien? Schade insofern, dass Michael Lang 2019 keine Neuauflage der drei Tage vom 15.-17.August 1969 gelang. Es hätte wunderbar in die politische Landschaft gepasst.
Bernd Gürtler/TM

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