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Aus dem Vollen geschöpft

Seamus Fogarty verdichtet ein unberechenbares Füllhorn namens World Wide Web zu Songs

Bei "Short Ballad For A Long Man" zu Beginn seines Albums "The Curious Hand" (Domino) rieb sich der geneigte Hörer verdutzt das Ohr. Was ist das, Irish Folk? Die ersten Takte jedenfalls. Direkt im Anschluss zündet ein wahres Ideenfeuerwerk und das Beste daran, es geht so weiter. Jeder Song sensationell anders! Entsprechendes abgezeichnet hatte sich bereits beim Vorgängeralbum "God Damn You Mountain" (LostMap), eine Fortsetzung fand sich auf der nachfolgenden EP "The Old Suit" (Domino). Irgendwie irisch der Sound und doch von einer ungeheuren stilistischen Bandbreite.

Foto: Brian Wharhires

Offenbar nichts weniger hier als das zu Songs verdichtete World Wide Web, dieses unberechenbare Füllhorn, das buchstäblich jede Information zu jeder Zeit an jedem Ort der Welt zugänglich macht und Geschichte weniger die althergebrachte Chronologie als eher eine Gleichzeitigkeit sein lässt. Kaum überraschend von daher die genreübergreifenden, nach herkömmlichen Maßstäben sogar diametral entgegengesetzten Anregungen und Einflüsse. Neben selbstverständlich irischer Folk Music fällt der Name des britischen Elektronikers Aphex Twin. Steve Reich, ein amerikanischer Pionier der Minimal Music wird genannt. Daneben Waldschrat Will Oldham sowie das Chicagoer Schallplattenlabel Drag City mit seinen teils experimentellen Veröffentlichungen. Verglichen mit der Musik, recht unspektakulär die meisten Interviewaussagen. Gut möglich, dem Künstler selbst ist am wenigsten bewusst ist, was er mit seinen bisherigen Veröffentlichungen verzapft hat.

Die Eröffnungszeile zu "Short Ballad For A Long Man" lautet, "As a young man I was never one first sit in still at school/Then I went to London town and was paid to play the fool". Worum geht es da?
Um Charles Byrne, den Irish Giant, wie er bezeichnet wurde, einen Hünen von um die zweimetervierzig. In den frühen Siebzehnhundertvierzigern zog er nach London, er wollte reich und berühmt werden. Seinen Lebensunterhalt bestritt er damit, dass er sich für Geld bestaunen ließ. Nach seinem Tod mit zweiundzwanzig wurde sein Körper nicht wie von ihm verfügt der See übergeben sondern vom Hunterian Museum am Royal College Of Surgeons in London einkassiert, wo sein Skelet bis heute ausgestellt ist. Ich bin dort gewesen, um mir das anzusehen und war seltsam berührt. Ich dachte, in gewisser Weise bin ich wie er. Ich ging auch nach London und wollte fern von zu Hause fremde Menschen unterhalten. Ein Stück von ihm steckt in mir, und ich mochte die Schule tatsächlich nicht.

Aus welcher Gegend von Irland kommst du?
Ich bin auf einer Farm im County Mayo an der Westküste aufgewachsen und mit sechzehn, siebzehn das erste Mal nach London gezogen und dann erneut in meinen Zwanzigern. Ich erinnere mich gern an Irland, ich bin stolz Ire zu sein. Am Anfang sang ich mit einem amerikanischen Akzent. Inzwischen lasse ich das. Ich bin Ire, und man hört es eben.

Das Video zu "Short Ballad For A Long Man" mit seinen flachen Grashügeln, der Fabrikruine und der Küstenlandschaft, ist das deine Heimatregion?
Nein, aber eine Schwarzweißpostkarte an die Lieben zu Hause. Das dürfte ihnen vertraut vorkommen. Gefilmt wurde auf Vorschlag unseres Videoregisseurs Kieran Evans zwei Autostunden von London entfernt in Kent, an der britischen Ostküste. Die perfekte Lokation! Die Fabrikruine mit dem verwitterten Schornstein, ein Relikt der Industrialisierung. Dazu die Graslandschaft, das Meer, alles zusammen beschreibt den Charakter des Albums sehr gut.

Im Refrain zu "Short Ballad For A Long Man" wird Canary Wharf in London erwähnt.
Ja, "From Canary Wharf to Skibbereen" heißt es im Text. Ich fliege oft zwischen London und Irland hin und her. Vor einigen Jahren saß eine ältere Dame hinter mir, sie fragte die junge Frau auf dem Nachbarsitz, was sie in London vorhätte. Sie meinte, sie sei Friseurin in Canary Warf und komme aus Skibbereen. Die alte Dame fand, dass das eine lange Reise sei von Skibbereen nach Canary Warf, um anderen Leuten die Haare zu frisieren. Ich war zufällig Zeuge dieses Gesprächs geworden, und es blieb mir im Gedächtnis.

Was uns auf die Frage bringt, ob Unterhaltungen fremder Menschen eine ergiebige Quelle der Inspiration für dich sind?
Manchmal, wenn ich in Stimmung bin, mit Ohren und Verstand offen bin für das, was um mich herum geschieht. Meistens sind wir viel zu sehr damit beschäftigt, uns den Kopf zu zerbrechen was gestern war, was morgen sein wird, was uns übernächste Woche passieren könnte. Wenn ich auf Reisen bin, im Flugzeug, im Zug, bin ich sehr entspannt. Und Unterhaltungen fremder Leute sind eine phantastische Quelle der Inspiration.

Wie entstehen deine Songs. Oder besser noch, wie kommt es zu diesem unglaublichen Facettenreichtum?
Gewöhnlich beginne ich mit Akustikgitarre oder Banjo. Eins der beiden Instrumente bildet das Fundament. Von dort aus entwickelt sich der Song. Es ist jedes Mal eine Reise ins Ungewisse. Bei "Short Ballad For A Long Man" war es so, dass mir mein schottischer Kollege James Yorkston eine Akkordfolge überließ, für die er keine Verwendung fand. Als ich den Text fertig hatte, dachte ich, das passt.

Verschiedene Literaturquellen erwähnen als einen deiner wichtigsten Kreativpartner Vince Sipprell, einen britischen Multiinstrumentalisten, dessen Fähigkeiten auch von New Order, Elbow oder Hot Chip geschätzt wurden. Wie wichtig ist er für dich gewesen?
Sehr wichtig, jenseits der Musik war er einer meiner besten Freunde. Er starb 2015 durch eigene Hand. Er beging Selbstmord, Ende Januar ist das jetzt genau vier Jahre her. Emma Smith, meine Lebensgefährtin und er hatten eine eigene Band, das Listening Quartet. Sie sind unglaublich gewesen, diese Raffinesse! Wenn ich auftrete, muss ich oft an die gemeinsamen Shows mit Vince denken. Erst neulich dachte ich, er war Mitglied meiner Schattenband.

"Van Gog's Ear", ebenfalls ein Song von "The Curious Hand" versteht sich dann sicher als Hommage an Vince Sipprell?
Stimmt, wobei ich den Song bereits zu schreiben begann als Vince krank wurde, er litt an Depressionen. Das war nicht von vornherein gedacht als Erinnerungssong. Als er starb, war ich zur Hälfte fertig. Bis dorthin findet man mich als Briefschreiber vor, der Vince ein paar aufmunternde Zeilen zukommen lassen will. Die zweite Hälfte entstand nach seinem Tod, dort geht es dann darum, seinen Selbstmord zu bewältigen, irgendwie mit dem Verlust zurechtzukommen.

Obwohl es in dem Song um ein Ohr geht, das berühmteste Ohr der Kunstgeschichte sogar, wieso tragen alle Leute, die durch den Videoclip geistern, lange Nasen?
Da müssten wir den Regisseur fragen, James Hankins. Seine Imaginationsgabe ist unglaublich. Keine Ahnung, woher die Idee mit den Nasen kam. Aber stimmt, sogar sehr viele Nasen in einem Song über ein Ohr.

Und was denkst du, könnte es sein, dass deine Songs eine Analogie zum Internetzeitalter sind?
Möglich, habe ich nie drüber nachgedacht. Wenn ich einen Song erarbeite, will ich einfach bloß, dass er so interessant wie möglich wird. Für die Hörer wie für mich, schließlich spiele ich den Song die nächsten zwei, drei Jahre Abend für Abend. Die Musiktechnologie ist natürlich auch schneller, preisgünstiger und besser geworden. Müsste man nach wie vor Tonbandschnipsel zusammenkleben, wäre vieles nicht machbar. Ich weiß nicht, ob meine Songs das Internetzeitalter repräsentieren. Könnte sein, vielleicht.

Sonst eigentlich eher eine rhetorische Frage, hier aber geradezu zwingend: Wie werden deine Songs auf die Konzertbühne gebracht? Bleibt der Facettenreichtum der Tonträger erhalten? Oder gehst du solo mit Banjo und Gitarre auf Tour?
Nein, mit Band, einer brillanten Band. Am Schlagzeug Aram Zarikian, er trommelt seit sechs, sieben Jahren für mich, auch auf den Alben. Er kennt die Songs in- und auswendig. Mein Bruder übernimmt das Akkordeon. Der Bassist heißt John Wells, auch mit ihm arbeite ich seit Jahren. Ich selbst werde meinen Laptop spielen, gekoppelt mit diversen Effektgeräten, dazu Banjo und Gitarre. Wir verzichten auf vorproduzierte Backingtapes, wir spielen live. Sicher wird manches danebengehen. Aber sei's drum, so ist das Leben.
Bernd Gürtler SAX 2/19

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