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Andy Giorbino: Eine Wiederentdeckung

Ein fruchtbares Biotop, die westdeutsche Rocksubkultur der frühen achtziger Jahre. Einstürzende Neubauten sind daraus hervorgegangen, Abwärts, FSK oder eben Andy Giorbino. Leider verschwand der gebürtige Hamburger, Jahrgang 1954, irgendwann vom Radar. Warum eigentlich? Höchste Zeit nachzufragen bei Alfred Hilsberg, dem Gründer von ZickZack-Platten, wo 1981/83 die ersten beiden Alben von Andy Giorbino erschienen sind. In Kooperation mit dem japanischen Schallplattenlabel Suezan Studio wurden "Lied an die Freude" sowie "Anmut und Würde" jetzt wiederveröffentlicht, erstmals auf CD.

Foto: Sabine Schwabroh
Foto: Sabine Schwabroh
Foto: Andy Giorbino

Zwei der wichtigsten Buchpublikationen zur westdeutschen Rocksubkultur der frühen achtziger Jahre sind Jürgen Teipels "Verschwende deine Jugend" und Christof Meuelers Labelporträt "Das ZickZack Prinzip". Beide erwähnen Andy Giorbino höchstens am Rande. Ist er wirklich nie mehr als eine Fußnote gewesen?
Nach den ersten beiden Alben spielte er keine große Rolle mehr. Ende der achtziger Jahre erschien ein drittes Album, "The Art Of Letting Go". Davon distanziert er sich ausdrücklich. Das war der missglückte Versuch, in England Fuß zu fassen. Ein eher spekulatives Ding, weit weg von seinen frühen, experimentellen Ansätzen, vielleicht als Reaktion auch auf die kommerziellen Auswüchse der Neuen Deutschen Welle, der sogenannten NDW.

Im Personenregister zu "Das ZickZack Prinzip" wird er als "notorischer Musiker" verzeichnet. Denkst du, dass die Beschreibung zutrifft?
Schwer zu sagen, was der Autor meint. Nach meiner Einschätzung ist Andy Giorbino ein eher auf sich fixierter Musiker gewesen. Er hat sich nie ernsthaft über eine Weiterentwicklung seines Equipments Gedanken gemacht, um nicht in den Sog zu geraten, technisch ständig auf dem neuesten Stand sein zu müssen und darüber in finanzielle Abhängigkeiten zu geraten. Er hat bewusst darauf verzichtet, besser zu klingen, und Technik genutzt, die für ihn erschwinglich war. Ich finde, er hat die technische Seite zu sehr vernachlässigt. Auch wenn ich die frühen Sachen bemerkenswert finde, sie sind technisch nicht ausgereift, haben aber durch das in Japan durchgeführte Mastering erheblich an Klangqualität gewonnen.

Was ist das Besondere an seinem Frühwerk gewesen?
Bereits in den siebziger Jahren begleitete er Tanzperformances seiner damaligen Lebensgefährtin Gitta Luckau, teils auf der Gitarre, teils auf seinen elektronischen Klangerzeugern. Die ersten beiden Alben "Lied an die Freude" sowie "Anmut und Würde" sind der Versuch gewesen, traditionelle Mittel mit modernen Sounds zu verbinden, um althergebrachte Rockstrukturen zu überwinden und Anfang der achtziger Jahre immer noch weit verbreitete Anglizismen hinter sich zu lassen.

Auf Andy Giorbinos eigener Website sind Videoclips von Performanceauftritten mit Gitta Luckau eingestellt. Seine Wurzeln liegen aber nicht in der Hamburger Kunstszene oder?
Nein, beeinflusst war er wie viele damals von Punkrock und New Wave. Er mochte Palais Schaumburg, die Residents und besonders This Heat, aber auch die Band Kosmonautentraum. Ohne denen nachzueifern, überhaupt hat er sehr wenig danach geschielt, was um ihn herum passiert. Er wollte etwas Eigenes auf die Beine stellen, unabhängige Kunst machen. Das ist ihm gelungen, in den Hamburger Avantgardezirkeln stieß er auf ziemliche Resonanz.

Später wurde Andy Giorbino Gitarrist bei Die Geisterfahrer, einer anderen Hamburger Undergroundformation.
Das war direkt im Anschluss an die ersten beiden Alben. Aber da war das Scheitern vorprogrammiert, vor allem im Gesang von Michael Ruff und der allzu lockeren Arbeitsweise der Band. Bei den Kastrierten Philosophen hat er dann ebenfalls Gitarre gespielt und mit Jäki Eldorado das kurzlebige Duo Ivanhoe gegründet.

Und er trat dem Rossburger Report als Gitarrist bei.
Das war ein Projekt von Markus Lipka von Eisenvater, dem der Wall Of Sound von Glenn Brancas Guitar Orchestra nicht radikal genug war. Die Band wurde inzwischen wiederbelebt, für Sommer 2020 sind weitere Auftritte geplant.

Bloß übermäßige Publikumsresonanz brachte ihm keine seiner Unternehmungen.
Dazu hat er sich selbst zu klein gemacht. Er hätte sich offensiver in der Öffentlichkeit bemerkbar machen müssen. Er arbeitete für sich, wollte nie etwas riskieren, um bemerkt zu werden. Bei einem Publikum mit Interesse an elektronischer Musik war und ist er in der Diskussion, hat auch heute noch prominente Fans wie Felix Kubin, wurde aber außerhalb dieses Zirkels nie wirklich wahrgenommen. Auch deshalb nicht, weil er wenig Wert auf Songtexte gelegt hat. Für ihn war die Stimme ein zusätzliches Instrument. Seine Songtexte sind nie als Interpretationsangebot gedacht gewesen.

Was macht die ersten beiden Alben dennoch reizvoll?
Das Unfertige fand ich immer bemerkenswert, das Unprofessionelle. Das war offen, hat sich nie in eine bestimmte Richtung drängen lassen.

Die japanischen Wiederveröffentlichungen von "Lied an die Freude" sowie "Anmut und Würde" kommen im Mini-LP-Format, mit Reproduktionen der Originalcover, sämtlicher Textbeilagen und erweitert um reichlich Bonustracks. Sehr liebevoll gemacht. Was begeistert Suezan-Studio-Labelchef Kaoru Koyanagi an Andy Giorbino?
Er sei seit seinen Teenagertagen an deutscher Undergroundmusik interessiert, schrieb er in einer E-Mail. Deutsche Independentlabels hätten Musik veröffentlicht, die mysteriös und faszinierend sei. Besonders das, was auf ZickZack erschienen ist, wäre sehr speziell, weder hart noch aggressiv, eher emotional. Er sieht Parallelen zu aktueller Populärmusik in Japan.

ZickZack-Platten von dir 1980 gegründet, feiern dieses Jahr vierzigstes Gründungsjubiläum. Sind die beiden Andy-Giorbino-Wiederveröffentlichungen ein Vorbote umfangreicherer Jubiläumsaktionen?
Die könnte man einbeziehen, aber beide Alben bekamen damals nicht genug Aufmerksamkeit und werden sie heute auch nicht bekommen. Das sind keine Ausrufezeichen. Ich finde es gut, dass sie wieder erhältlich sind. Hätten wir sie in Deutschland wiederveröffentlicht, wäre das ein Beitrag zum Jubiläum gewesen. Wir haben das nach Rücksprache mit dem Vertrieb nicht gemacht, weil das Interesse im Inland sehr begrenzt ist. In den USA, Großbritannien, in Japan verkaufen sich die Scheiben um ein Vielfaches besser.

Was wird es stattdessen geben?
Geplant war, den Sampler "Lieber zu viel als zu wenig" wiederzuveröffentlichen, ergänzt um eine Zusammenstellung mit aktuellen Bands. Dafür ist mir leider die Finanzierung abhandengekommen. Jetzt erscheint Anfang März 2020 das Album "Naturtrüb" von Die Gruppe Oil, einem Quartett aus Reverend Dabeler, dem türkischen Bassisten Timur Çirak, Gereon Klug sowie Maurice Summen von Die Türen, Maurice & Die Familie Summen, auch Labelchef von Staatsakt. Parallel zum Album veröffentlicht der Verbrecherverlag ein gleichnamiges Buch, dass die Bandgeschichte erzählt. Im April folgt der Soundtrack zu "Die Liebe frisst das Leben", einem Dokumentarfilm über Leben und Werk des 1996 verstorbenen Die Erde-Sängers Tobias Gruben. Neben Originalsongs enthält das Soundtrackalbum Coverversionen von Messer Paul Pötsch, Tom Schilling, International Music und Tellavision.
Bernd Gürtler/TM

Musik/Video
"Lied an die Freude"
Andy Giorbino
www.giorbino.de

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