|   Rezension

Afel Bocoum

Lindé

(World Circuit)

Die Herrlichkeit der Musik steht im krassen Widerspruch zur Situation im Herkunftsland Mali. Seit Jahren eskalieren ethnische Konflikte, geschürt von islamistischen Terrorkommandos und begünstigt durch einen korrupten, schwachen Staat, dessen Regierungen mit Regelmäßigkeit vom Militär aus dem Amt geputscht werden. Afel Bocoum, gebürtiger Malier, hält mit "Lindé" dagegen. Sein Album versteht sich als Aufruf zu Dialog und Versöhnung. Denn gewöhnlich sind sich die Menschen nicht von sich aus feind. Sie werden zu Feinden, sobald sie skrupellosen, herrschsüchtigen Ideologen auf den Leim gehen.

Afel Bocoum stammt aus Niafunké, gelegen an den Ufern des mächtigen Niger, knappe drei Autostunden südwestlich von Timbuktu. Ali Farka Touré, ebendort aufgewachsen, war ein Jugendfreund und langjähriger Weggefährte, der mit "Niafunké" eine Albumhommage an den gemeinsamen Heimatort hinterließ. Der Albumtitel zu Afel Bocoums "Lindé" bezieht sich auf ein Waldrefugium im Umkreis, das den beiden als Abenteuerspielplatz diente.

Die Idee des Dialogs ist gewissermaßen globaler gefasst. Traditionelle Saiteninstrumente wie die Ngoni, die Njurkele, die Kora, treten in einen Austausch mit der Elektrogitarre des Briten Sonny Johns, der Posaune von The Skatalites/Bob Marley-Gefolgsmann Vin Gordon, einer Violine, beigesteuert von Joan As Police Woman; Blurs Damon Albarn hat produziert. Tief verwurzelt in westafrikanischer Musikkultur und gleichermaßen verwoben mit der Welt, erzählen die Songs Geschichten, die sowohl bei Afel Bocoums Landsleuten als auch überregional auf Resonanz stoßen müssten. "Sambu Kamba" ermutigt die Jihadisten, die Waffengewalt gegen Argumente einzutauschen. "Jaman Bisa" beschreibt, wie das gesamte öffentliche Leben durch geschlossene Schulen und unterbrochene Transportwege zu Wasser und zu Land ernsthaft bedroht ist. "Bombolo Liilo" und "Kakilena" wenden sich an die Fluchtwilligen, die in Europe höchst selten das gute Leben finden werden, das sie suchen, in der Heimat aber bei der Erneuerung der Gesellschaft fehlen. Das finale "Djougal", eine Würdigung des weitsichtigen Mannes, dem es gelang, die Bauern von Niafunké und Umgebung zu einer Kooperative zusammenzuschließen, enthält einen der letzten Auftritte des 2020 verstorbenen Afrobeat-Schlagzeugers und Fela Kuti-Mitstreiters Tony Allen. Hier hätte man gern mehr gehört als die knapp viereinhalb Minuten, gegen Ende mündet der Song in eine wilde Jamsession.
Bernd Gürtler/TM

Video/Musik
"Sambu Kamba"
"Jaman Bisa"
"Bombolo Liilo"
"Kakilena"
"Djougal"